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| 15:29 Uhr

Potsdamer Projekt
Aufräumen in Häusern des Lebens

Rolf Blase, Moritz (11),  Anke Geißler-Grünberg und Michael Schmitz (v.l.n.r.) vom Projektteam „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ vermessen und säubern am Sonntag auf dem Jüdischen Friedhof in Cottbus einen alten Grabstein mit jüdischer Inschrift.  Foto: Helbig
Rolf Blase, Moritz (11), Anke Geißler-Grünberg und Michael Schmitz (v.l.n.r.) vom Projektteam „Jüdische Friedhöfe in Brandenburg“ vermessen und säubern am Sonntag auf dem Jüdischen Friedhof in Cottbus einen alten Grabstein mit jüdischer Inschrift. Foto: Helbig FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Eine Potsdamer Projektgruppe dokumentiert jüdische Friedhöfe – auch in Cottbus. Von Daniel Schauff

Es ist ein heißer Samstag, an dem die dreiköpfige Projektgruppe aus Potsdam in Cottbus ankommt. Ihr Ziel: Dresdener Straße, jüdischer Friedhof. Rolf Blase beginnt, die Grabsteine zu putzen, Michael Schmitz vermisst das Gelände, während Anke Geißler-Grünberg fleißig notiert.

Es ist bei Weitem nicht der erste jüdische Friedhof, auf dem das Projektteam seine Arbeit verrichtet. Rund 60 jüdische Friedhöfe gibt es in Brandenburg, sagt Anke Geißler-Grünberg. 17 finden sich bereits auf der Internetseite der Potsdamer Universität wieder. Über die jüdische Gemeinde, die Geschichte des jeweiligen Friedhofs, dessen Anlage und Grabsteine gibt es umfassende Informationen, wer dort seine ewige Ruhe gefunden hat, ist in einer Liste zusammengetragen. Inschriften, Fotografien der Grabsteine – die Dokumentation ist fast lückenlos. „Viele wissen gar nicht, dass es sich um Schriftzeichen handelt“, sagt Anke Geißler-Grünberg über die hebräischen Schriftzeichen. Viele Inschriften seien verwittert und kaum noch erkennbar.

Cottbus ist noch nicht in der Liste vertreten. „Wir sind nicht fertig geworden“, sagt Anke Geißler-Grünberg und erklärt: Das Projekt sei zwar an die Uni Potsdam angedockt, ein von der Uni bezahltes Projekt sei ihres allerdings nicht. „Wir machen das ehrenamtlich“, sagt die Projektkoordinatorin. Sobald wie möglich will sie ihre Arbeit in der Lausitzmetropole abschließen.

„Haus des Lebens“ nennen Juden ihre Friedhöfe oft. Gar nicht so abwegig, wenn Anke Geißler-Grünberg über das Ziel ihres Projekts spricht. Die vollständige Dokumentation soll auch Nachkommen helfen, nach ihren Ahnen zu forschen. Kaum einer der 60 jüdischen Friedhöfe, heißt es in der Projektbeschreibung, sei heute nicht zerstört.

Insgesamt acht Mitglieder zählt das vollständige Projektteam, darunter Shmuel Feiner, Professor an der Universität Bar Ilan in Israel und Experte jüdischer Geschichte.

Uralte Hinweise wird das Projektteam um Anke Geißler-Grünberg in Cottbus nicht mehr finden. Der einstige jüdische Friedhof an der Straße der Jugend, der von 1814 bis 1917 in Betrieb war, wurde der Stadtverwaltung zufolge in den 60er-Jahren vollständig beräumt und ist heute nur noch eine Grünfläche mit Gedenkstein. 1917 wurde der neue jüdische Friedhof an der Dresdner Straße angelegt, weil der vorherige an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen war. Eine ausführliche Aufarbeitung des neuen jüdischen Friedhofs hat derweil bereits die Cottbuser jüdische Gemeinde auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Demnach wurden auf dem Friedhof nicht nur Cottbuser Juden bestattet, sondern auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Calau, Drebkau, Spremberg, Senftenberg und Großräschen.

Die vor dem Zweiten Weltkrieg auf mehrere Hundert Mitglieder angewachsene jüdische Gemeinde wurde durch den Krieg und die Judenverfolgung stark dezimiert – nur noch 13 Juden wurden damals in Cottbus gezählt, heißt es bei der jüdischen Gemeinde. Bis zum Ende der 80er-Jahre sei der Friedhof zunehmend verwahrlost. 1997 entstand die neue jüdische Gemeinde in Cottbus, 115 Personen sind ihnen zufolge aktuell auf dem Friedhof an der Dresdener Straße beerdigt. Der Friedhof ist wieder aktiv.