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Auf Inspektion im Lausitzer „Grand Canyon“

Die RUNDSCHAU-Sommertour machte diesmal einen Abstecher in die Erdgeschichte – genauer gesagt 15 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit. Damals entstand nämlich die Braunkohle, die derzeit im Tagebau Jänschwalde abgebaut wird. Mit zwei allradgetriebenen Mannschaftswagen ging es durch Prärielandschaft und an aufgeforsteten Miniwäldern vorbei hinab in den „Grand Canyon“ – die Koh legrube. Im Gegensatz zum großen amerikanischen Bruder bewegt sich der Lausitzer Canyon allerdings im Jahr um etwa 300 Meter in Richtung Norden. Von Peggy Kompalla

Rund 13 Milliarden Tonnen Kohle liegen im Lausitzer Kohlerevier in der Erde verborgen, doch nur zwei Milliarden Tonnen können tatsächlich abgebaut werden. „Auch unter der Stadt Cottbus befindet sich in 40 Meter Tiefe ein etwa acht Meter dickes Kohleflöz“ , erklärt Astrid Hobracht, die gemeinsam mit Klaus Wahn durch den Jänschwalder Tagebau führte. Das vergangene Jahr bot für Vattenfall Europe Mining and Generation gleich zwei Superlative: Mit 59,3 Millionen Tonnen geförderter Kohle war es das bisher erfolgreichste Jahr, die bisherige Tageshöchstleistung wurde ebenfalls 2002 erreicht. Am 23. Oktober förderten die Kumpel 650 410 Kubikmeter Kohle zu Tage.
1970 begann die Geschichte des Jänschwalder Tagebaus. Und bis zum Jahr 2030 soll sich die Abraumförderbrücke F60 gemeinsam mit den drei Eimerkettenbaggern bis vor die Ortschaft Taubendorf vorarbeiten. Dort endet das Kohlefeld. Bis 1974 dauerte die Entwässerung, der Grundwasserspiegel musste von seiner naürlichen Höhe von drei Metern unter das zweite Lausitzer Kohleflöz abgesenkt werden. Auch heute sorgen noch 400 Filterbrunnen für den niedrigen Wasserspiegel. Das abgepumpte Grundwasser wird in die Spree geleitet. „Eine elf Kilometer lange Schutzwand sorgt dafür, dass von Osten her kein Grundwasser in den Tagebau sickert“ , erklärte Astrid Horbacht. Gleichzeitig sichert diese etwa einen Meter breite und mit Ton verfüllte Dichtwand, dass in den östlichen Gebieten der natürliche Grundwasserspiegel erhalten bleibt. Die Wand reicht bis zu 70 Meter in die Tiefe. „Derzeit wird eine zweite Dichtwand bei Willmersdorf und Lakoma in die Erde gebracht. Bis 2006 soll sie um die Westseite des Tagebaus führen.“
Mit den Mannschaftswagen ging es zunächst auf betonierten Betriebsstraßen am Asche- und Gipsdepot vorbei, ebenso wie dem Findlingslager. Auf einigen Hügeln wachsen Baumpflänzchen zu kleinen Wäldern heran, die mit Zäunen vor dem Wild geschützt werden. „Wir haben hier schon ganze Rudel Rehe gesehen und jede Menge Wildschweine gibt es auch“ , erzählte Astrid Horbacht im Vorbeifahren. An der östlichsten Tagebaukante, die nur einen Kilometer von der Neiße entfernt ist, entlang führte die Straße zu den Abraumbaggern. Jetzt schaukelten die Wagen über lockere Sandwege.
Beim Anblick der F60 fühlte sich Jürgen Rhönisch gleich 25 Jahre zurückversetzt. 1978 arbeitete er bei Automatisierungsanlagen Cottbus. Er war Inbetriebnahmeleiter für die Elektoranlagen der Brücke. „Da hat man schon eine besondere Beziehung dazu, obwohl man kein Kumpel war“ , sagte der Cottbuser. Manfred Nakoinz hat für die Sommertour extra einen Urlaubstag genommen, „weil mich das unheimlich interessiert“ . Nadine Kluge hatte es dagegen einfacher. Die Gymnasiastin hat Ferien und brachte ihre Eltern zur Tour einfach mit, es war ein Geburtstagsausflug für die Mama. „Die Fahrt war sehr aufregend", erzählte die 16-Jährige und fügte an: "Und die Maschinen sind unwahrscheinlich gigantisch.“ Die musste sie unbedingt fotografieren, wie viele andere auch.
Acht Meter in der Minute arbeiten sich die Eimerkettenbagger auf Schienen vor. Dabei passen fast vier Kubikmeter Abraum in einen Eimer, 44 sind auf einer Kette. Im Schnitt müssen im Jänschwalder Tagebau sechs Kubikmeter Abraum bewegt werden, um eine Tonne Kohle fördern zu können. Sylvana Buder kennt diese Geräte gut: „Ich habe in Cottbus Nord als Belader auf einem Eimerkettenbagger gearbeitet.“ Nach der Wende musste sie gehen. Die Sommertour war eine gute Gelegenheit, ihren Kindern Oliver und Lukas einmal einen Tagebau zu zeigen. Eine Etage unterhalb der Abraumbagger - das macht etwa 23 Meter aus - steht ein Schaufelradbagger. Hier wird die Kohle abgebaut, die über ein Band bis zur Verladung auf Zugwaggons noch auf eine kilometerlange Reise geht. Die Trasse ist insgesamt fünf Kilometer lang. „Sie wird aber vor Heinersbrück um 1400 Meter eingekürzt“ , sagte Astrid Hobacht. Erich Gebauer hörte den Erklärungen genau zu. „Ich bin ein wenig vorbelastet“ , meinte der 60-Jährige. „Ich habe im Kraftwerk Vetschau als Instandhalter gearbeitet. Die Tour ist gut, um sein Wissen noch einmal aufzufrischen.“
Nach dem Abstecher in die Grube ging es zum Klinger See, der in 13 Jahren mit Wasser gefüllt sein soll und schon jetzt eine Tiefe von 20 Metern hat. Die gekippte Seite wird mit Hilfe der Rütteldruckverdichtung befestigt. Von 1983 bis 1986 wurde in dem Randschlauch noch Kohle gefördert.

Service Sommertour-Termine
 Die nächsten Stationen der RUNDSCHAU-Sommertour:
23. Juli , Mittwoch: 10 Uhr, Führung durch den Tierpark mit Blick hinter die Kulissen.
30. Juli , Mittwoch: 10 Uhr, zu Gast bei der Polizei , Tour mit dem Fahrrad vom Bonnaskenplatz zur City-Wache.
6. August , Mittwoch: 14 Uhr, Sportstättenchef Peter Przesdzing führt über die neue Stadiontribüne .
13. August , Mittwoch: 14 Uhr, Führung durch den Branitzer Park mit Berthold Ettrich.
Für die meisten Termine ist eine Anmeldung - in der Regel am Sonnabend zuvor - nötig. Zeiten und Rufnummern werden rechtzeitig bekannt gegeben.

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