| 18:45 Uhr

Auf der Suche nach Lehrlingen

Ein eingespieltes Team: Nico Dehmel (30) und Reno Müller (60) decken ein Dach in Kunersdorf. Beide arbeiten im selben Betrieb.
Ein eingespieltes Team: Nico Dehmel (30) und Reno Müller (60) decken ein Dach in Kunersdorf. Beide arbeiten im selben Betrieb. FOTO: Jenny Theiler
Cottbus. Handwerk hat goldenen Boden – so heißt es in einem deutschen Sprichwort. In Südbrandenburg haben junge Menschen in 80 verschiedenen Handwerksberufen die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, um eines Tages gutes Geld zu verdienen. Jenny Theiler

Trotzdem gehen die Zahlen der Ausbildungsanwärter in Handwerksberufen immer weiter zurück, obwohl die Nachfrage an Handwerkern steigt. "Der Ruf des Handwerks ist nicht schlecht, aber der Ruf des Studiums wird extrem gehypt", erklärt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Cottbus, Christoph Schäfer. Der Glaube, mit einem Studienabschluss, die besten Berufschancen zu haben, hält sich noch immer hartnäckig in zahlreichen Elternhäusern. Dabei bietet das Handwerk vor allem auch leistungsschwächeren Schülern die Möglichkeit, ihren Fähigkeiten entsprechend ausgebildet zu werden und einen soliden Beruf zu erlernen. "Anders als im Studium sind die Chancen, nach der Ausbildung übernommen zu werden, in den meisten Handwerksbereichen sehr gut", so Christoph Schäfer. Derzeit überströmen zu viele Hochschulabsolventen ohne Berufserfahrung nach dem Studium den Arbeitsmarkt - und in den Handwerksbetrieben fehlen die Lehrlinge.

Vor allem die Baubranche habe seit Jahren arge Nachwuchsprobleme. Laut Christoph Schäfer würden viele Jugendliche die körperlich schwere Arbeit und die mitunter ungünstigen Arbeitszeiten im Baubereich scheuen. Das Cottbuser Bauunternehmen Matuschka hat im Vorjahr noch zwei Lehrlinge eingestellt. In diesem Jahr gab es laut Bauleiter Alexander Kurzmann nicht mal eine Bewerbung.

Die Gewöhnung an achtstündige Arbeitstage würde den Jugendlichen, laut Handwerkskammer, immer schwerer fallen. Außerdem seien auch fehlendes Benehmen und mangelnde Umgangsformen ein großes Problem. Unter dem Motto "Gutes Lernen im Betrieb" initiiert die Handwerkskammer Seminare in den Berufsschulen. "Mit dem Projekt wollen wir den Auszubildenden den Wert ihres Betriebes und die nötigen Sozialkompetenzen vermitteln", erklärt Martina Schaar, Teamleiterin im Bereich Berufsausbildung der Handwerkskammer.

Dennoch dürfe man nicht alle Jugendlichen über einen Kamm scheren, betont Christoph Schäfer. Durch den demografischen Wandel in der Lausitz wurden viele Berufsschule geschlossen, wodurch die Entfernung zwischen Betrieb und Schule immer größer geworden ist. Einen Internatsaufenthalt lehnen aber viele Lehrling ab. Letztlich erklärt ein ganzes Bündel von Gründen den schlechten Ausbildungsstand im Handwerk. "Neben dem Standort der Berufsschule sind für die Jugendlichen auch, das Klima im Betrieb und vor allem die Vergütung entscheidend", berichtet Christoph Schäfer.

Viele Handwerksbetriebe bemühen sich inzwischen mit Sonderkonditionen um ihre Auszubildenden. So erhalten Lehrlinge der Spremberger Fleischerei Kadach ein kostenloses Frühstück und Mittagessen. Laut Beate Kadach bekommen die Fleißigsten zusätzlich eine leistungsabhängige Prämie, die monatlich ausgezahlt wird.

Für Dachdeckermeister Silvio Böhm aus Cottbus hängt der Rückgang der Auszubildenden auch mit dem sinkenden Lohnniveau in der Branche zusammen. Durch die steigende Selbstständigkeit zahlreicher Kleinunternehmer könne das Gehalt nach der Ausbildung nicht mehr gesteigert werden, erklärt Silvio Böhm. "Das Handwerk darf nicht unterschätzt werden", betont der Dachdeckermeister, der sich darüber ärgert, dass der Respekt vor dem Handwerk immer mehr sinkt. "Früher waren wird Künstler, jetzt sind wir nur noch Bauarbeiter", beklagt Dachdeckergeselle Nico Dehmel (30). Vielen Jugendlichen würde auch der Wert von körperlicher Arbeit in der Schule kaum noch vermittelt.

Wie erfüllend die Arbeit mit den eigenen Händen sein kann, weiß Nico Dehmel. "Wenn ich in der Stadt die Dächer sehe, an denen ich gearbeitete habe, kann ich stolz sein auf das, was ich gemacht habe", so der 30-Jährige. Mit einem stolzen Alter von 60 Jahren ist Reno Müller der älteste Dachdecker im Betrieb und durch den fehlenden Nachwuchs keine Ausnahme im Cottbuser Handwerk.

Zum Thema:
Zu den beliebtesten Handwerksberufen gehört der Kraftfahrzeugmechatroniker. Für das neue Ausbildungsjahr wurden bis jetzt 93 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Es gibt aber noch 35 offene Stellen. Ein Job mit Zukunft ist der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. 34 Ausbildungsstellen wurden bereits vergeben, 47 sind allerdings noch offen. In der Lebensmittelbranche werden Fleischer und Bäcker gesucht. Als typischer Frauenberuf gilt noch immer das Friseurhandwerk. Im vergangenen Jahr haben sich 75 Frauen und fünf Männer für eine Friseurausbildung entschieden. Berufe wie Zahntechniker und Augenoptiker werden von Frauen und Männer gleichermaßen ergriffen.