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| 19:33 Uhr

Cottbus
Auf den Kriegsspuren des Urgroßvaters

Frank Lehmann hält ein Album mit den Original-Feldpostkarten seines Urgroßvaters Heinrich Lehmann in der Hand. Er hat rund um den Familienfund eine Ausstellung für das Stadtteilmuseum Gallinchen erstellt. Sie wird um 18 Uhr eröffnet und ist mittwochs von 15 bis 18 Uhr zu sehen. ⇥Foto: Peggy Kompalla
Frank Lehmann hält ein Album mit den Original-Feldpostkarten seines Urgroßvaters Heinrich Lehmann in der Hand. Er hat rund um den Familienfund eine Ausstellung für das Stadtteilmuseum Gallinchen erstellt. Sie wird um 18 Uhr eröffnet und ist mittwochs von 15 bis 18 Uhr zu sehen. ⇥Foto: Peggy Kompalla FOTO: Peggy Kompalla / LR
Gallinchen. Heinrich Lehmann zog als Armierer in den Ersten Weltkrieg. Sein Urenkel hat mehr als 150 Feldpostkarten ausgewertet und daraus eine Ausstellung erarbeitet. Sie wird Dienstagabend im Stadtteilmuseum Gallinchen eröffnet. Von Peggy Kompalla

Die Feldpostkarten seines Urgroßvaters füllen mehrere dicke Ordner. Weit mehr als 150 sind es insgesamt. Frank Lehmann erzählt: „Ich wollte sie eigentlich nur für die Familie bewahren.“ Leichter gesagt als getan. Denn die Karten sind in Kurrentschrift verfasst. „Ich habe mich reingelesen und sie übersetzt.“ Das hat drei Jahre gedauert. Doch je mehr Frank Lehmann in die Lebenswelt seiner Urgroßeltern Anna und Heinrich und damit den Kriegsalltag zwischen Front und Heimat eintauchte, umso mehr wollte er wissen.

Das war der Beginn einer umfassenden Recherche. Das Ergebnis ist nun im Stadtteilmuseum Gallinchen zu sehen. Dabei ist es nur der hartnäckigen Fleißarbeit des Gallincheners zu verdanken, dass so viel Material zusammengekommen ist. Denn eine konventionelle Herangehensweise endete in einer Sackgasse. „Ich habe zwar noch den Militärpass und dass Soldbuch meines Urgroßvaters. Aber das Reichshauptarchiv in Potsdam erlitt 1945 einen Bombentreffer“, erzählt Frank Lehmann. Vom alten Aktenbestand blieben nur zwei Prozent erhalten.

Dieser Rückschlag erweist sich im Rückblick als Glücksfall für die kleine Ausstellung. Denn sie stellt den Gallinchener Heinrich Lehmann (1888 bis 1953) konsequent in den Mittelpunkt. Dabei weiß Frank Lehmann um die Lücken in der persönlichen Geschichte und ergänzt sie klug mit Einleitung, weiterführenden Erläuterungen und Bezügen zur Heimat und Geschichte. Was ihn als Deutschlehrer bei seiner Forschung am meisten überraschte: „Die Texte meines Urgroßvaters ähneln sehr den Schilderungen in den großen Kriegsromanen von Erich Maria Remarque oder Ernst Jünger. Es hat mich sehr überrascht, wie sehr sich das deckt.“ Genau deshalb gelingt der Schau ein Meisterstück: Die große Geschichte wird im Kleinen deutlich und kommt dem Besucher damit unerwartet nahe.

Heinrich Lehmann hat ursprünglich Glück. Er wird ausgemustert. Doch das erweist sich bald als Übel. 1915 wird er eingezogen – ohne jegliche Militärausbildung. Er kommt ins 15. Armierungsbatallion. Die Armierer waren für das Ausheben und Befestigen der Schützengräben und Sicherungsanlagen verantwortlich und werden deshalb auch Schipper genannt. So zieht der Gallinchener am 19. März 1915 an die Ostfront ins Kurland – einer Region des heutigen Lettlands. Ausgestattet ist er mit einer Schaufel. Als einzige Waffe führt er ein Seitengewehr bei sich. Die Stichwaffe ist in der Ausstellung zu sehen. Ordentliche Uniformen gab es erst später. „Die sahen aus wie die letzten Hungerleider“, sagt der Urenkel.

Trotz dieser Hindernisse spricht aus den ersten Feldpostkarten Kriegsbegeisterung. „Für einen Weber war ein Auslandsaufenthalt schon etwas Besonderes. Er kam doch sonst nie aus Brandenburg raus“, sagt Frank Lehmann. So wird der Kriegseinzug so etwas wie eine Städtereise. Die Bilder auf den Karten zeugen davon, aber auch die Texte. So schreibt Heinrich Lehmann an seine Frau: „Habe wieder etwas zum Andenken gekauft.“

Doch je länger der Krieg dauert, um so mehr mischt sich Verdruss in die Worte. Die Verrohung lässt sich nicht leugnen. Die Karten zeigen ab 1916 zerstörte Städte und sogar tote Soldaten oder gar ein ganzes Schlachtfeld unzähliger Leichen. Auf der Rückseite einer solchen Karte steht ein Satz: „Mit den besten Grüßen aus Russland.“ Frank Lehmann denkt an seine Urgroßmutter. „Was muss sie nur bei diesem Anblick gedacht haben? Das ist doch ist doch unfassbar schrecklich.“ Diese Gedanken schießen nicht nur dem Urenkel durch den Kopf. Diese späten Karten wirken herzlos. Wenig später ist es ausgerechnet ein Herzfehler, der dem Urgroßvater in einem Feldlazarett bei einer Routineuntersuchung attestiert wird. Das wird sein Heimatfahrtschein. So kehr Heinrich Lehmann 1917 zu seiner Anna nach Gallinchen zurück. Vor seinem Kriegseinzug waren sie gerade einmal zwei Jahre verheiratet.

Heinrich Lehmann in seiner bescheidenen Armierer-Uniform.
Heinrich Lehmann in seiner bescheidenen Armierer-Uniform. FOTO: Peggy Kompalla / LR