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Armut, Bedrohung und die Suche nach Leben in Frieden und Würde

Cottbus. Die serbische Provinz Vojvodina gilt als die Kornkammer Serbiens. Mächtige Flüsse prägen das Land. Erika Pchalek/epk1

Zwischen Donau und Save erstreckt sich der Bezirk Srem. Dort findet man das Dorf Popinci. Mit mehr als 1000 Einwohnern ist es schon eher eine Stadt. Hier war die Familie H. zu Hause: Perica H. und seine Frau Suzana B. mit den Töchtern Snezana (13) und Jelena (10). Seit vier Monaten leben sie im Cottbuser Asylbewerberheim.

Schwer ist Leben in Serbien. Für die vierköpfige Roma-Familie war jeder Tag ein Existenzkampf. Arbeit ist rar im Land, die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 22 Prozent. Da sind die Aussichten auf einen Job für Roma gleich null. "Du bist Roma? Raus hier!", bekommen sie zu hören. Vater H. verdiente Geld mit dem Sammeln und Verkaufen von Schrott. Das Familieneinkommen lag zwischen 300 und 400 Euro im Monat. "Damit kannst du Essen und Trinken kaufen - für Strom, Wasser und alle anderen wichtigen Ausgaben reicht es nicht." Zeitweise hungerten die Eltern, damit ihre Kinder in die Schule konnten. Zwar ist die Grundschule kostenlos, aber "ohne ordentliche Sachen, ohne Schuhe kannst du die Kinder nicht in die Schule schicken". Vom Staat gab es Sozialhilfe - monatlich 45 Euro für die vier Personen. So war das Einkommen zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Besonders hart waren die Winter.

In Popinci lebte die Familie in einem Haus. Drei Jahre hat Perica H. an diesem Heim gebaut. Aber als er das Geld für Material nicht bezahlen konnte, wurde es verpfändet. Die Mafia bedrohte die vier Menschen. Sie fanden Zuflucht in der Zwei-Raum-Wohnung von Suzanna B.'s Mutter. Für Perica H. waren der Verlust des Hauses und die Drohungen Gründe, die Heimat zu verlassen. Zunächst kam er allein nach Deutschland. Acht Monate lebte er in Eisenhüttenstadt. Dann ging er zurück, um die Familie zu holen. Noch einmal blieben sie acht Monate in Serbien. Dann traten sie im Bus die Reise nach Deutschland an. Die vier Menschen sind glücklich in Cottbus. Die beiden Mädchen gehen zur Schule, kommen jeden Tag mit neuen deutschen Wörtern nach Hause. Und die Erwachsenen? "Wir fühlen uns hier besser", sagen sie. "Die Menschen sind freundlich. Nicht wie in Serbien." Aber ihr Leben hier ist wieder bedroht. Für Roma gibt es kein Asyl in Deutschland, denn Serbien gilt als sicheres Herkunftsland. Weder die extreme Not der Menschen noch ständige Diskriminierung ändern daran etwas für die deutsche Gesetzgebung. Schon hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Anträge auf Asyl für Familie H. abgelehnt. Auch das Cottbuser Verwaltungsgericht hat die bisherigen Eilanträge der Anwältin abschlägig entschieden. Jederzeit ist die Abschiebung möglich. Aber die Anwältin kämpft weiter, und die Familie hat noch Hoffnung.

Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 verbietet im Artikel 3 die unterschiedliche Behandlung von Flüchtlingen aus Gründen der Rasse, der Religion oder des Herkunftslandes. Der Integrationsbeauftragte der Stadt Cottbus, Jan Schurmann, sieht im Umgang mit den serbischen Roma "einen klaren Bruch" der Konvention.