ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 11:14 Uhr

Cottbus international
Ein Leben zwischen den Kulturen

 Narine George  Foto: Andrea Hilscher
Narine George Foto: Andrea Hilscher FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. In Cottbus leben und arbeiten Menschen aus rund 110 Nationen. Einige schon seit Jahrzehnten, werden gerade erst heimisch. Was diese Menschen an ihrer neuen Heimat schätzen und was ihnen fehlt, darüber reden sie in der RUNDSCHAU-Serie „Cottbus international“. Heute: Narine George aus Armenien. Von Andrea Hilscher

Wer mit Narine George (32) spricht, würde niemals vermuten, dass sie ihre ersten Lebensjahre nicht in Deutschland verbracht hat. Die junge Frau mit armenischen Wurzeln ist in Eriwan aufgewachsen und weiß spannende Geschichten über ihre Familie zu erzählen.

Ihre Großmutter hat als Russlanddeutsche im Kaukasus gelebt, teilte später das Schicksal vieler ihrer Landsleute: Sie wurde in ein sibirisches Lager verschleppt und hat dort ihren zukünftigen Mann, einen Armenier, kennengelernt. Das Paar bekam Kinder und zog zurück nach Armenien, wo einige Jahrzehnte später auch Narine zur Welt kam. Sie wurde, ebenso wie ihre Geschwister, zweisprachig erzogen. Neben der armenischen Muttersprache lernte sie Russisch schon im Kindergarten. Und es scheint, als habe genau diese Erfahrung sie bis heute nachhaltig geprägt.

„In diesem Kindergarten traf ein Sammelsurium von Menschen der unterschiedlichen sowjetischen Völker zusammen“, erinnert sich Narine George. „Nationalitäten spielten für uns Kinder einfach keine Rolle. Wen wir mochten, den mochten wir, weil er nett war und nicht weil er aus einem bestimmten Land kam. Und blöde Kinder waren eben einfach blöd, egal, woher sie stammten.“ Dieses frühe Erleben von Interkulturalität sei wunderbar gewesen, „zu 90 Prozent mit schönen Erfahrungen verbunden“, sagt sie heute. Erfahrungen, die sie beruflich umsetzt: An der BTU Cottbus-Senftenberg ist sie als Projektleiterin zuständig für die Integration von Geflüchteten ins Fachstudium. Der Weg von der behüteten Kindheit in Eriwan bis ins Cottbus des Jahres 2018 war steinig.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion verschlechterte sich die Versorgungslage in Armenien dramatisch. Das Land war kaum in der Lage, seine Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, Importe waren wegen der geschlossenen Grenzen zur Türkei und nach Aserbaidschan fast unmöglich. „Es gab wahre Schlachten um ein Stück Brot“, erinnert sich Narine George. Die Stromversorgung war zusammengebrochen, Schulunterricht unmöglich.

Wegen der russlanddeutschen Großmutter gab es eine Möglichkeit, die Übersiedlung nach Deutschland zu beantragen. „Aber um überhaupt Post empfangen zu können, mussten wir nach Russland ziehen, in die Nähe von Moskau.“ Dort wartete die Familie sechs Monate, bis endlich der ersehnte Aufnahmebescheid erteilt wurde.

1993 traf Narine George nach verschiedenen Zwischenstationen mit ihrer Familie in Berlin ein. „Damals gab es noch keine wirklichen etablierten Strukturen für Migranten“, erzählt sie. „Wir mussten uns irgendwie selbst durchbeißen.“ Die damals Achtjährige hatte sich mit Hilfe der Großmutter das lateinische Alphabet beigebracht. „Eigentlich war ich an der Schule für einen Vorkurs eingeteilt. Doch als unsere Lehrerin im Speisesaal merkte, dass ich die Schrift auf der Milchpackung entziffern konnte, wurde ich gleich in die erste Klasse hochgestuft.“

Ihre Sprachbegabung und das Talent zum genauen Beobachten halfen der jungen Narine, sich schnell in die neue Umgebung einzufügen – Kulturschocks inbegriffen. „Im Speisesaal gab es zum Mittag Grützwurst. Ich habe mich geekelt, weil ich dachte, die Kinder essen Kuhfladen.“ Auch den unbefangenen Umgang mit dem eigenen Körper war sie aus Armenien nicht gewöhnt. „Dass Jungen und Mädchen gemeinsam Mittagsschlaf machen und sich voreinander umziehen, war mir damals unangenehm.“ Nach und nach aber sind die kulturellen Differenzen von ihr abgefallen.

Inzwischen sei sie so gut integriert und assimiliert, dass sie sich nicht mehr angesprochen fühlt, wenn von Migranten die Rede ist. „Mit meinem Sohn und meinem Mann habe ich vor einiger Zeit Urlaub in Armenien gemacht und Verwandte besucht. Es war wunderschön – aber wir haben das Land bereist wie Touristen.“

Nach dem Abitur hatte sich Narine George – inzwischen längst mit deutscher Staatsbürgerschaft – bei verschiedenen Universitäten wegen eines Architekturstudiums beworben. „Ein Schnupperstudium in Cottbus hat mir tatsächlich viel besser gefallen als große Unis wie etwa in Aachen.“ Langsam aber sicher habe sie sich dann auch in die Stadt verliebt.

Als sie ihren Bachelor in der Tasche hatte, entschloss sie sich, Interkulturalität mit dem Interesse für Architektur zu verbinden, legte den Master in World Heritage Studies ab. Heute arbeitet sie im Büro für internationale Angelegenheiten (International Relations Office) der Uni. „Ich arbeite mit tollen Leuten zusammen, kann die schönen Seiten der Interkulturalität genießen und freue mich über die Möglichkeiten, die mir der Job bietet.“

Verheiratet ist sie mittlerweile mit einem Mann aus Hessen. „Durch seine Familie bin ich auf ganz neue Art in Kontakt mit der deutschen Kultur gekommen.“ Die Art, Weihnachten zu feiern, am Wochenende zu Oma zum Kaffee fahren – neue Traditionen, die sie genießt.

Ihrem Sohn will sie genau das mit auf den Weg geben, was sie selbst schon als Kind erleben durfte: den selbstverständlichen Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft: Der kleine Junge besucht die internationale Kita der Universität. „Für ihn ist es gelebte Erfahrung, dass alle Menschen im Grunde gleich sind.“