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| 19:05 Uhr

Cottbus früher & heute
Architektonische Spurensuche

FOTO: Heute: Dora und Heinrich Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte der Mühlenstraße 39, basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt.

Heute fällt es schwer, ein Vergleichsfoto zu der alten Ansichtskarte von 1929 herzustellen, denn dieses Gebäude gibt es nicht mehr, wie so viele in der Mühlenstraße. Aber auch die Hausnummern sind verändert worden. Nur ein topographischer Stadtplan konnte helfen, die einstige Hausnummer und den Standort des Hauses zu lokalisieren.

Nach dem großen Stadtbrand von 1671, auf jeden Fall im 18. Jahrhundert, dürfte dieses schlichte dreiachsige Haus neu errichtet worden sein. Karl Eicke schreibt 1917 über „Das bürgerliche Wohnhaus“ ausführlicher, ergänzt mit Grundrisszeichnungen und Fotografien. Leider ist die Mühlenstraße 39 nicht in seinen Texten erwähnt. Dieses Haus, rechts die Eingangstür in den Flur, der nicht nur die Treppe in das Obergeschoss beherbergte, sonder auch durchgängig auf den Hofraum und den Hintergebäuden, oft auch zu den Stallgebäuden führte. Dazu zwei Stuben, links eine mit zwei Fenstern und Fensterläden zur Straße, dahinter ein Küchenraum, eventuell noch ein Alkoven und eine kleinere Stube mit einem Fenster zum Hofraum. Eine ähnliche Aufteilung in der ersten Etage. Ein schlichtes Satteldach schütze das Haus, wobei der Boden auch als Lagerraum dienen konnte. Es war ein sogenanntes Traufhaus. Meist waren es einfache Handwerker, Kleinbürger, die sich solche Häuser in den Nebenstraßen einer Stadt leisten konnten. Und davon gab es einst viele solcher Häuser, mit einer schmückenden Fassade am Marktplatz oder der Spremberger Straße, schlichte, einfache in der Klosterstraße, Sandower Straße. Der Neustädter Straße, in der Burg- und der Mühlenstraße.

Warum speziell die Mühlenstraße 39 auf einer Ansichtspostkarte dargestellt wurde, lässt sich nur vermuten. Ein neuer Eigentümer, oder ein neuer kleiner Betrieb, der auch ohne Schaufenster auskam. 1928 war Marienne Schlodder Eigentümerin des Hauses, sie war Wäscheschneiderin und auch laut Adressbuch 1940 noch in diesem Beruf an dieser Stelle. Allein die Berufsbezeichnung lässt unsereins heute nachdenken. Wie wäre es mit feinen, geschneiderten, mit Spitzen versehenen Leinenhemdchen und Leinenhöschen?

Durch Kriegsverlust gingen 1945 einige Häuser verloren, doch die einst heterogene Bebauung der Mühlenstraße verschwand erst in den 1970/80er Jahren. Den alten Häusern fehlte die Pflege, Ausbesserung und Modernisierung. Wer wollte schon im Winter auf eine Toilette, die sich in einem Gebäude auf dem Hof befand? Alles zusammen dürfte letztendlich zum Abriss der Gebäude geführt haben. Während die Mühlenstraße 38, zwar abgerissen, als Kopiebau wieder erstand, allerdings nicht mehr mit Bäckerei. An dieser Stelle möchte ich an den Bäckermeister Schabert erinnern, der besonders zum Gründonnerstag die echten, flachen und typischen Salz-Kümmel-Semmeln herstellte. Schaberts gingen nach Kolkwitz, als sie ihr Haus verlassen mussten. Der Kopiebau trägt heute die Hausnummer 41. Rechts daneben, das Grundstück der alten Mühlenstraße 39 ist mit einem größeren, grundstücksübergreifenden Gebäude, der heutigen Mühlenstraße 42 überbaut.

Doch noch einmal zurück zur alten Bebauung. Viele Jahre hatte der Maler Franz Göbelt in diesem Hause sein Unterkommen, später (1925) waren Fräulein Marianne Schlodder und die Witwe Gertrud Göbelt die Hauseigentümer. Auf dem Hof gab es auch noch einen Raum, der zum Bewohnen vermietet wurde. Wie bescheiden lebten die Leute seinerzeit.