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| 19:04 Uhr

Justiz
Anwältin statt Pensionärin

Sigrun von Hasseln-Grindel (2.v.r.) ist am Donnerstag in den Ruhestand verabschiedet worden, unter anderem von Christoph Polster, Uwe Jeschke, ehemaliger Jugendhauptschöffe der 3. Großen Strafkammer und Gaby Güttler (v.l.).
Sigrun von Hasseln-Grindel (2.v.r.) ist am Donnerstag in den Ruhestand verabschiedet worden, unter anderem von Christoph Polster, Uwe Jeschke, ehemaliger Jugendhauptschöffe der 3. Großen Strafkammer und Gaby Güttler (v.l.). FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Ruhestand: Sigrun von Hasseln-Grindel gibt Ihren Vorsitz am Landgericht ab. Von Daniel Schauff

Ihr letztes Urteil hat sie Mitte des Monats gesprochen. In einem Fall, in dem ein Mann seine Frau schrecklich misshandelt hatte, sagt Sigrun von Hasseln-Grindel. Ein paar Tage später waren Schüler im Gerichtssaal zu Gast, um ein Gerichtsspiel mit der Vorsitzenden Richterin am Landgericht zu spielen.

Mehr als 40 Jahre lang stand Sigrun von Hasseln-Grindel im Dienste der Gerechtigkeit. Über 20 Jahre davon war sie Strafkammervorsitzende des Landgerichts Cottbus und die einzige Vorsitzende Richterin in der Lausitz. Die Signatur der 65-Jährigen hört damit allerdings noch lange nicht auf. Sie ist Vorsitzende der Akademie für Rechtskultur und Rechtspädagogik, sie ist Mitglied der Ethikkommission und der Kommission SGB VIII des Deutschen Sozialgerichtstages, war Lehrbeauftragte an der BTU. Kein Wunder, dass sich Sigrun von Hasseln-Grindel auch im Ruhestand nicht zur Ruhe setzen will.

Die Akademie, erzählt die Neu-Ruheständlerin, versucht derzeit, eine Stiftung zu gründen. „Das bauen wir langsam auf“, sagt Sigrun von Hasseln-Grindel, die mittlerweile nach Bad Saarow gezogen ist. Entstehen soll ein eigener Fachbereich „Human Law“ (Menschenrechte). „Sich hierfür trotz oder gerade wegen des Ruhestands einzusetzen, ist in meinen Augen ein absolutes Muss, wenn man nur etwas Verantwortungsgefühl für unsere Kinder und Kindeskinder hat“, sagt die Vorsitzende Richterin. Sie selbst hat drei leibliche, drei angeheiratete Kinder und neun Enkel.

Sigrun von Hasseln-Grindel ist die Begründerin der Rechtspädagogik, die sich mit internationalen Grundsätzen des Zusammenlebens beschäftigt. Sie baute die Jugendrechtshäuser auf, regionale Präventionseinrichtungen auf rechtspädagogischer Basis. Eins von ihnen steht in der Gerichtsstraße in Cottbus, weitere in ganz Deutschland. Für alle ist Sigrun von Hasseln-Grindel Schirmherrin.

In einem Gespräch mit der LR vor einigen Jahren hatte sie erklärt, es seien die Erfahrungen als junge Richterin gewesen, die sie zur Pädagogin gemacht hätten. Zu viel Gewalt, Drogendelikte, Mord – beinahe sei sie abgestumpft, hatte sie damals gesagt. Ist sie aber nicht. Ein weiterer Satz von ihr: „Recht hat auch immer etwas mit Gefühl zu tun.“

Die Liste der Veranstaltungen, die die Akademie aktuell durchführt, ist lang. „Alkohol im Straßenverkehr“, Lesungen aus ihrem rechtspädagogischen Buch „Tilly Timber auf Megaland“. „Im nächsten Jahr planen wir aber wieder größere Veranstaltungen wie etwa eine Konferenz über die Frage, ob angesichts der ständig steigenden Kriminalität unsere Polizei noch ausreichend ausgebildet ist“, sagt Sigrun von Hasseln Grindel. Ihr Engagement werde sie so lange wie möglich fortsetzen: „Unsere Gesellschaft befindet sich in einem derartig desolaten Zustand, dass ich der Meinung bin, dass jeder positive Impuls gebracht wird.“ In der nächsten Woche wird sie als Anwältin vereidigt.