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INTERVIEW MIT ANSELM GRÜN
„Der Mensch will gehört werden“

Fordert, mehr auf die Menschen zu achten: Anselm Grün.
Fordert, mehr auf die Menschen zu achten: Anselm Grün. FOTO: Andrea Göppel / Vier Türme Verlag
Cottbus/Münsterschwarzach. Der Benektiner-Pater im RUNDSCHAU-Interviewüber die Sehnsucht nach Stille, Frieden und Glück vor allem zur Weihnachtszeit.

Wenn die Weihnachtszeit ins Land zieht, dann wächst die Sehnsucht nach Stille, Frieden und Glück. Doch wie kann Ruhe einziehen ins Gemüt, wenn zu viele Sorgen den Menschen beschäftigen, die Sorge um den Arbeitsplatz, die Familie, die Zukunft, das Geld? Die RUNDSCHAU fragte nach bei einem der meistgelesenen Ratgeber-Autoren und dem wohl bekanntesten Benediktiner-Pater Deutschlands, bei Anselm Grün.

Pater Anselm, Sie sind Autor von mehr als 300 Büchern. Darin ermuntern Sie die Leser gern, achtsam mit sich selbst umzugehen. Wie macht man das als ganz normaler Mensch?

Grün Es gibt zwei Wege. Das eine ist, gut auf seine Gefühle achten. Die Gefühle sagen mir immer, was gut ist. Zum Beispiel wenn mir das  Spaß macht, anderen zu helfen, dann soll ich da weitermachen  und einfach mal mich freuen, dass mir das gut tut. Aber wenn ich spüre, dass ich aggressiv werde oder empfindlich oder gereizt, das ist immer ein Zeichen, ich muss jetzt für mich sorgen, ich brauche Abstand oder Zeit für mich selber. Das andere ist, ich gehe achtsam mit mir um, wenn ich jeden Tag ein paar Rituale habe, die ich bewusst mache. Zum Beispiel am Morgen, bevor ich einfach in den Tag hinein stolpere,  kurz innehalte und  Gott um Segen bitte für den Tag. Oder irgendwie ganz kurz mich vergewissere, ich bin jetzt da, und ich gehe in diesen Tag und bitte Gott, dass dieser Tag ein guter Tag wird.

Und was ist mit denen, die es nicht so mit Gott haben?

Grün Natürlich gibt es andere Wege achtsam zu sein. Zum Beispiel bewusst gehen und bewusst langsam gehen, sich nicht im Tempo treiben lassen. Und achtsam heißt beim Aufstehen, dass ich bewusst aufstehe und in den Tag gehe, mir bewusst zum Beispiel beim Duschen den inneren und äußeren Dreck abwasche, mich innerlich reinige, in mich gehe, dass ich das Gefühl habe, die trüben Gedanken, die lasse ich los und gehe in den neuen Tag.

Wie achtsam ist denn Vater Staat mit seinen Schäfchen?

Grün Der Staat geht sicher nicht immer achtsam mit den Menschen um, denn viele Maßnahmen sind ja von Angst geprägt. Die ständige Bürokratisierung, die immer mehr zunimmt, das tut den Menschen nicht gut. Und sicher werden nicht alle Nöte, nicht alle Stimmen der Menschen ernst genommen, sondern man ist so unter sich. Viele Politiker sind zu wenig am Puls der Zeit. Und ich denke, es ist wichtig, achtsam auf das zu hören, was die Menschen wirklich bewegt. Natürlich kann man nicht jede Meinung und  nicht jeden Vorschlag berücksichtigen, aber es ist wichtig, dass man trotzdem spürt, wie  geht es den Menschen, und wie können wir verantwortungsvoll Politik machen. Also, das eine ist das Hören. Das andere sind die Entscheidungen, die getroffen werden sollen. Das ist sicherlich nicht immer so ganz leicht.

Was tun, wenn die Schäfchen rebellieren, weil sie sich nicht gehört oder gar ohnmächtig fühlen gegenüber denen da oben?

Grün Man muss gut hinschauen. Das eine ist, auf die Menschen zu hören, was sind ihre tiefsten Anliegen und wie kann man darauf reagieren. Das andere ist natürlich, man muss gut aufpassen. Manche Bewegungen verselbstständigen sich auch. Also, ich habe vor wenigen Tagen in Stuttgart einen Vortrag gehalten. Da sind die Wutbürger, die mit nichts zufrieden sind, mit keinem Kompromiss zu Stuttgart 21. Heiner Geisler hat versucht, da wirklich zu hören, aber wenn er da nicht genau ihrer Meinung ist, dann macht man weiter. Es gibt dann auch den blinden Fanatismus, wo man dann nicht mehr hören kann, weil man dann merkt, das führt nicht weiter.

Was heißt das?

Grün  Hören heißt immer, ein Gespräch zu führen, dass ich auch bereit bin, auf den anderen zu hören. Das verlangt von beiden Seiten Offenheit.

Ließe sich denn mit Ideen wie der von einem bedingungslosen Grundeinkommen mehr Gerechtigkeit und Frieden stiften und Bereitschaft zu hören?

Grün Ich habe noch keine endgültige Meinung dazu. Es kann natürlich auch sein, dass dann ein Teil gar nicht mehr arbeitet und eben mehr Geld für Freizeit ausgibt. Also da ist auch eine innere Haltung nötig. Da ist dann  die Frage, wie gehe ich verantwortlich um mit Geld, also der Staat natürlich und die Bürger. Ob dieses Grundeinkommen die Lösung ist? Ich kenne den Götz Werner (Gründer und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens dm-drogerie markt – Anm. d. Red.), der vertritt es sehr stark. Gut, ich habe mal mit ihm diskutiert. Ich kann das zu wenig beurteilen. Das ist sicher eine Idee, die man überlegen sollte.

Warum?

Grün Sicherheit ist ein hohes Gut. Aber die Arbeit gehört auch zum Menschen, die Würde, schaffen zu können. Sicher ist die Arbeitswelt heute von Druck geprägt. Da braucht es eben eine andere Kultur der Arbeit, eine Kultur, wo der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Zahlen. Wenn der Mensch total untergeordnet wird, das ist gegen seine Würde.

Wie kommt der Mensch wieder in den Mittelpunkt?

Grün Indem die Firmen eine andere Kultur schaffen, wo sie Leben wecken im Menschen. Benedikt sagt, führen heißt Leben wecken in den Menschen. Wenn ich Leben wecke in den Menschen, dann tut es letztlich der Firma und dem einzelnen Menschen gut. Wenn ich den Menschen nur einem Diktat von Geld unterwerfe, dann fühlt er sich ja erpresst und erdrückt.

Sie waren 36 Jahre lang als Cellerar für die wirtschaftliche Leitung der Abtei Münsterschwarzach mit  20 Betrieben und  rund 300 Beschäftigten verantwortlich. Wie ist es ihnen da gelungen, Leben im Menschen zu wecken?

Grün Ich glaube schon, dass mir das gelungen ist. Für mich war wichtig, Vertrauen zu schaffen, auf die Mitarbeiter zu hören und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, dass sie gute Ideen verwirklichen können. Dass nicht sie meine Erwartungen erfüllen müssen, sondern dass sie gemeinsam schauen, wie macht das Wirtschaften Spaß, wie macht das Arbeiten Spaß. Und das ist für mich entscheidend. Wenn ich mit Druck arbeite, dann schaffe ich nur Angst. Wenn ich Lust vermittle, dass wir gemeinsam was tun, dann entsteht viel Kreativität. Die Leute, die bei uns arbeiten, arbeiten gerne bei uns, weil sie das Gefühl haben, ihnen wird vertraut. Sie werden auch angemessen bezahlt. Es ist wichtig, dass es ein gerechter Lohn ist, und dass es eine Atmosphäre gibt, wo man gerne arbeitet.

Was ist ein gerechter Lohn?

Grün Ja gut, es gibt keinen absolut gerechten Lohn. Gerechter Lohn heißt, dass die Menschen für ihre Arbeit angemessen belohnt werden, je nachdem wie jeder sich einsetzt, wie viel Verantwortung jeder hat und wie viel Kraft und Aufwand. Natürlich hat jeder Beruf andere Maßstäbe. Das merken wir hier auch. Die Drucker bekommen mehr als die Goldschmiede zum Beispiel. Das hängt ja von Gewerkschaften ab, wie viel die jeweils fordern, und natürlich davon, was der Markt hergibt.

Gerechter Lohn  heißt nicht, dass alle genau das Gleiche verdienen. Sondern die einen haben ja auch mehr investiert für die Ausbildung. Der Lehrer zum Beispiel. Der verdient auch ganz gut, aber der hat jahrelang erst mal studiert. Und einer, der keine Ausbildung hat, verdient weniger. Aber das gibt ja auch einen Reiz: Tue ich etwas für meine Ausbildung, oder will ich sofort Geld verdienen?

Verfügen Sie über eigenes Geld,  mit dem Sie - wie man landläufig gern sagt -  spekulieren?

Grün Nein. Ich verfüge über etwas Taschengeld und gönne mir davon vielleicht mal einen Kaffee, wenn ich unterwegs bin zu Vorträgen oder Seminaren. Ich verdiene natürlich auch durch die Bücher jetzt Geld, aber das geht alles ins Kloster.

Wie relevant sind diese Einkünfte für das Kloster bei immerhin mehr als 16 Millionen verkauften Exemplaren?

Grün Unabhängig von den Investitionen macht das ungefähr ein Drittel der Kosten aus, die wir für den Lebensunterhalt der Mönche brauchen.

Gibt es dann Weihnachten mal etwas extra?

Grün An Weihnachten gibt es für jeden einen Bildkalender und eine Tüte Plätzchen und eine Meditationskarte des Abtes. Wir feiern miteinander Weihnachten vor allen in den Gottesdiensten. Da steht das Geheimnis des Festes im Mittelpunkt. Aber an Weihnachten gibt es auch ein gutes Essen, das wir dann gemeinsam genießen.

 

Mit  ANSELM GRÜN

sprach Beate Möschl