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| 02:33 Uhr

Angst um den Sorbischunterricht

Eltern und Kinder kämpfen für den Erhalt des Witaj-Unterrichts an den Schulen in Cottbus und der gesamten Niederlausitz.
Eltern und Kinder kämpfen für den Erhalt des Witaj-Unterrichts an den Schulen in Cottbus und der gesamten Niederlausitz. FOTO: hil
Peitz. In Peitz haben gestern Eltern, Lehrer und Lokalpolitiker für den Erhalt des sorbischen Unterrichts protestiert. Wegen einer neuen Schulverordnung drohen hier drastische Einschnitte. Andrea Hilscher

Die Farben Rot, Weiß, Blau leuchteten gestern Nachmittag auf Fahnen, Plakaten, Ansteckschildern, T-Shirts und Pudelmützen: Die Sorben der Region hatten mobilgemacht und zur Protestkundgebung vor die Peitzer Mosaik-Grundschule geladen: Hier tagte der Sorbenrat in einer öffentlichen Sondersitzung, diskutierte über eine heftig umstrittene neue Schulverordnung.

Der Plan: Künftig soll an Grundschulen nur dann Sorbisch unterrichtet werden, wenn mindestens zwölf Kinder einer Jahrgangsstufe an diesem Unterricht teilnehmen. Mögliche Konsequenz: An Schulen in Spremberg, Peitz, Drebkau, Laubsdorf oder Lübbenau würde Sorbisch kaum noch unterrichtet werden, auch in Cottbus würde etwa die Hälfte der Schulen keinen Sorbischunterricht mehr erteilen. Selbst in Sielow, Briesen, Burg und Krieschow könnte nicht mehr jede Jahrgangsstufe abgedeckt werden.

Ingo Komolka aus Putgolla/Kolkwitz: "Wir haben drei Kinder, das vierte ist unterwegs. Wir leben Witaj, die sorbische Sprache ist unser Alltag. Es wäre mehr als schlimm, wenn unsere Kinder in der Schule ihre Muttersprache nicht mehr nutzen könnten."

Stefanie Krautz aus Jänschwalde: "Als Sorbe muss man immer kämpfen. Alle Witaj-Kindergärten sind voll und haben Wartezeiten. Es gibt also ein großes Interesse an der Sprache. Und im Sinne der gesetzlich verankerten Gleichbehandlung müssen unsere Kinder die Chance haben, ihre Sprache an der Schule zu lernen."

Bernd Pittkunings, sorbischer Liedermacher: "Das würde uns um Jahrzehnte zurückwerfen, in Zeiten, in denen nur innerhalb der Familie sorbisch gesprochen wurde." Er fragt besorgt: "Was bleibt den Sorben, wenn die Sprache fehlt? Nur die Tracht reicht nicht."

Frank Nedoma, Leiter der Mosaik-Grundschule, teilt die Einschätzung der Protestierer. Er sagt: "Bei uns nehmen aktuell 24 von 350 Kindern am Sorbischunterricht teil. Sie werden in mehreren kleinen Gruppen unterrichtet." Würde die neue Verordnung in Kraft treten, müsste er die Kinder in zwei Gruppen zusammenfassen, die jeweils drei Jahrgänge umfassen. Nedoma: "Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wie attraktiv der Unterricht dann wird." Ohnehin sei es schwer, die Kinder mit ihren vollen Stundenplänen gerade in den höheren Klassen zu motivieren, dem Sorbischen treu zu bleiben."

Eine Erfahrung, die auch Manuela Pyrczek von der Jänschwalder Krabat-Grundschule teilt. "Dank guter Werbung haben wir zwar volle Klassen. Aber sobald die Kinder älter werden und die Ansprüche in den Hauptfächern steigen, sinken die Lust und die Energie, noch zusätzlich eine Sprache zu lernen." Von 19 Kindern aus der dritten Klassen bleiben nur neun dem Sorbischen in der vierten Klasse treu.

Je unattraktiver das Unterrichtsangebot, so die Befürchtung, umso weniger Kinder lassen sich für Witaj begeistern. Angela Schurmann vom Rat für Angelegenheiten der Sorben/Wenden: "Für uns zählt jedes Seelchen, und sei es noch so klein." Sie empört sich über die Pläne aus dem Bildungsministerium: "Wir Sorben/Wenden taugen immer dann, wenn man zu Ostern mal wieder ein paar schöne Bilder braucht. Den Rest des Jahres sollen wir dann wieder still und unauffällig sein."

Die Pläne, den Witaj-Unterricht nur für Gruppen ab zwölf Kindern zuzulassen, stammen aus einem kürzlich bekannt gewordenen Referentenentwurf des Potsdamer Bildungsministeriums. Der Plan soll helfen, den Mangel an Sorbischlehrern aufzufangen und gleichzeitig Kosten einzusparen. Der Sorbenrat lehnt eine Mindestzahl für den Sorbischunterricht ab. Auch eine Ausweitung des jahrgangsübergreifenden Unterrichts sei nicht akzeptabel.

Zum Thema:
Witaj (sorbisch/wendisch für Willkommen) ist ein Projekt, das sich für die zweisprachige sorbisch-deutsche Betreuung und Ausbildung an Kindergärten und Schulen in der Lausitz einsetzt. Die erste Witaj-Gruppe wurde 1998 in Sielow mit zwölf Kindern gestartet. Die ersten Kinder aus dem Modell besuchen seit 2006 das Niedersorbische Gymnasium in Cottbus. Das Land Brandenburg erkennt die sorbischen/wendischen Sprachen, insbesondere das Niedersorbische, als Ausdruck des geistigen und kulturellen Reichtums an und ermutigt zu ihrem Gebrauch.