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| 14:42 Uhr

Angriff in Dissenchen
Frischlinge in der Heidesiedlung

 Bei der Geburt ihrer Frischlinge ist diese Bache in der Heidesiedlung in Dissenchen beobachtet worden.
Bei der Geburt ihrer Frischlinge ist diese Bache in der Heidesiedlung in Dissenchen beobachtet worden. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Wildschweine rücken rund um Cottbus immer näher. Angriffe auf Menschen sind Ausnahmen. Von Silke Halpick

Die Wildschweine kommen immer näher, nicht nur in Berliner Wohngegenden. Vor einigen Tagen hat eine Bache in einem Wäldchen in der Heidesiedlung in Dissenchen ihre Jungen zur Welt gebracht. Das blieb nicht unbemerkt. Die allzu Neugierigen wurden schließlich vom wütenden Tier verjagt. Angriffe von Wildschweinen sind Ausnahmen, wie Mario Wotschka von der Unteren Jagdbehörde in Cottbus betont. Häufigste Ursache ist menschliches Fehlverhalten.

Wildschwein-Angriff auf Fotograf

„Mein gesunder Menschenverstand hätte mich warnen sollen“, räumt auch Michael Helbig rückblickend ein. Der RUNDSCHAU-Fotograf ließ sich aber von der allgemeinen Aufregung der Anwohner anstecken. In einem Wäldchen unmittelbar an der Straße gebar eine Bache ihre Jungen. Im Gebüsch rund drei Meter entfernt sah er den borstigen Rücken des Tieres.

Dann ging alles sehr schnell. „Das war Sekundensache“, betont Helbig. Das Wildschwein drehte sich um und raste auf ihn und eine Begleiterin zu. Er selbst wurde am Schienbein verletzt, die Frau musste vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden. Dort soll sie mit kaputter Kniescheibe liegen und auf ihre Operation warten.

 Eines der Frischlinge
Eines der Frischlinge FOTO: Michael Helbig

Wildschwein-Angriff als Ausnahme

Einen solchen Wildschwein-Angriff hat Wotschka, selbst passionierter Jäger, noch nie erlebt, wie er sagt, auch noch nie von etwas Derartigem gehört. Den Vorfall in der Heidesiedlung führt er auf die Ausnahmesituation des Tieres zurück. „Die Bache wollte ihre Jungen verteidigen“, sagt er. Wenn Wildschweine „frischen“, sei grundsätzlich Vorsicht geboten, warnt er. Diese Zeit hat gerade erst begonnen. Bis in den August hinein könne sie andauern.

„In der Regel startet ein Wildschwein mit einen Scheinangriff“, erklärt Wotschka. Das Tier fängt an zu blasen und schnaubt lautstark durch die Nase.  Bei einem Angriff rennen die Tiere zwischen die Beine des Menschen und werfen ihn dadurch um. Gefährlich sind vor allem die scharfen Eckzähne, mit denen die Wildschweine tiefe Wunden hinterlassen können.

Keine Statistik zu Wildschwein-Angriffen

Statistiken über Angriffe von Wildschweinen führen weder Polizei, noch Rettungsdienst und Krankenhäuser. Doch jeder, der im Wald spazieren oder joggen geht, Rad fährt oder auf Geocaching-Tour ist, kann Wildschweinen begegnen. Aufgewühlte Erde und abgekratzte Baumstämmen sind erste Anzeichen. Wer die Duftnote der Tiere, die an Maggie-Würze erinnern soll, wahrnimmt, ist schon sehr dicht dran.

Bei einem Aufeinandertreffen sollen Betroffene weder hastig wegrennen, noch auf das Tier zugehen. Normalerweise nähern sich Wildschweine dem Menschen auf höchstens 200 Meter. Da bleibt Zeit, um sich langsam zurückziehen. Wichtig ist, dass dem Wildschwein die Möglichkeit zur Flucht gelassen wird, so Wotschka. Denn erst wenn es sich in die Enge getrieben fühlt, greift es an.

Wildschwein-Plage rund um Berlin

Eine Plage sind die Borstentiere in den Berliner Randgebieten. Mehrere Tausend sollen im Grunewald, im Tegeler Forst, in Köpenick leben. Genaue Zahlen gibt es nicht. In Stahnsdorf und Kleinmachnow wird aktuell darüber diskutiert, die Bogenjagd auf die in den Städten lebenden Tiere zu genehmigen.

„Berliner Verhältnisse haben wir nicht“, beruhigt Wotschka. Doch auch um Cottbus kommen die Wildschweine immer näher. In den Wohnsiedlungen finden sie genug zu fressen. Besonders beliebt sind Komposthaufen auf nicht eingezäunten Grundstücken. „Das ist für die Schweine quasi der Supermarkt vor der Haustür“, sagt Wotschka. Die Wildtiere seien schlau und passen sich den Verhältnissen schnell an. Gute Futterstellen merkt sich die Bache und gibt das Wissen an ihre Jungen weiter.

Druck des Wolfes

Aber auch „der Druck des Wolfes“ wirkt sich aus, wie Wotschka einräumt. Der Wolf breitet sich aus, jagt und verdrängt andere Tiere aus ihrem Territorium. Leichte Beute für ihn sind Frischlinge. Doch selbst vor Bache und Keiler schreckt der streng geschützte Jäger nicht zurück, auch wenn ausgewachsene Tiere sich zur Wehr setzen.

Als Gründe für den Anstieg der Wildschwein-Population sieht der Naturschutzbund (Nabu) die Klimaerwärmung mit zu milden Wintern, aber auch den zunehmenden Anbau von Mais als Nahrungsquelle für Wildschweine und die intensive Düngung der Ackerflächen, die die Biomasse erhöht.