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Amerikaner bauen Flugtanks nach Peitzer Vorbild

Peitz. Längst sind die interessanten Vortragsabende des Historischen Vereins zu Peitz kein Geheimtipp mehr. Auch diesmal war kein einziger freier Stuhl mehr im Zbaszynek-Saal der Peitzer Amtsbibliothek zu haben. Thema war der Peitzer Rüstungsbetrieb Raspe, der 1937 in der kleinen Stadt angesiedelt wurde und bis 1945 hier existierte. Marion Hirche / jul1

Schnell erkannten die Zuhörer auf den Bildern, die der Vortragende Christoph Malcherowitz zeigte, dass einige Gebäude des Unternehmens noch stehen. "Hier das lang gestreckte Gebäude an der Cottbuser Straße, wo in den letzten Jahren die Verwaltung des Möbelmarktes drin war, gehörte auch zum Betrieb Raspe." Nicht schlecht staunten die Anwesenden über die Größe des Rüstungsbetriebes. "Mit höchster Dringlichkeits- und Geheimhaltungseinstufung wurden Anfang 1937 die Geländebesichtigung und die Kaufanfrage beim Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg durch die in Berlin ansässige Firma Raspe bezüglich Produktionsverlagerung behandelt. Im Mai wurde gekauft, im Juni erklärte das Reichsluftfahrtministerium das Vorhaben. Das Unternehmen startete im Herbst 1937 mit 200 Mitarbeitern." Auch die Villa der damaligen Firmenleitung steht noch. Es ist heute ein Wohnhaus, in dem auch Peter Kutics wohnt: "Die dicken Schutzraumtüren haben wir heute noch im Keller."

In seinem Vortrag berichtet der Vorsitzende des Historischen Vereins zu Peitz von der Entwicklung des Unternehmens, in dem 2000 Mitarbeiter im Jahr 1945 tätig waren. Gezeigt wurde eine Karte mit den Gebäuden, die errichtet wurden, die darauf schließen lassen, dass in Peitz aus Geheimhaltungsgründen alles erstellt wurde, was zur Produktion von Flugzeugtanks nötig war, von der Aluminiumgießerei bis zur Spinnerei. Auch die Gründe für die Ansiedlung in Peitz stellte der Redner deutlich heraus: "Die Aluminiumtanks, die in vier verschiedene deutsche Kampfflugzeuge eingebaut waren, wurden mit Kautschuk ummantelt, weil dadurch die Explosionsgefahr um ein Vielfaches minimiert werden konnte. Kautschuk kann nur flüssig verarbeitet werden. Vor allem das im Überfluss vorhandene Wasser und der direkte Bahnanschluss sprachen für die Ansiedlung."

Christoph Malcherowitz sprach über die Mitarbeiter, stellte Bezüge zu heute noch in Peitz lebenden Familien her und berichtete von den angenehmen Seiten für die Mitarbeiter. "Es gab einen eigenen Werkschutz, gut ausgestattete Schutzräume, Sonder-Milchrationen, Betriebsausflüge und in den Pausen konnten Mitarbeiter in einem eigenen Park wandeln." Polnische, estnische, französische und italienische Kriegsgefangene bzw. Fremdarbeiter waren hier Seite an Seite mit deutschen Mitarbeitern tätig. "Ich erinnere mich an Schokolade, die ich von den Franzosen, die von zu Hause aus versorgt wurden, geschenkt bekam", berichtete der 76-jährige Joachim Schmidt, dessen Vater auch bei Raspe tätig war.

Die Maschinen wurden nach dem Einmarsch der Russen am 24. April 1945 demontiert. Da waren die Firmenleitung und zahlreiche Ingenieure geflüchtet. "Auch das Geld aus dem Tresor war da plötzlich weg", erfuhr Malcherowitz von einem Augenzeugen.

Die Geflüchteten sind möglicherweise dafür verantwortlich, dass in den achtziger Jahren in den USA Flugzeugtanks aus reinem Kautschuk gebaut wurden, eine Technologie, die im Peitzer Betrieb Raspe kurz vor Kriegsende noch entwickelt wurde.

In der Diskussion nach dem Vortrag erkundigte sich etwa Karl-Fritz Mühler von der Arbeitsgruppe "Ortschronik Maust" nach dem im Vortrag erwähnten Aluminiumwerk.

Der nächste Vortrag des Vereins dreht sich am 17. April um die Ereignisse in Peitz und an der Lausitzer Neiße zum Kriegsende 1945.