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Alter Chemiehandel giftet weiter

Der Umweltausschuss bei einer Inspektion der Grundwasserbehandlungsanlage auf dem Gelände des ehemaligen Potsdamer Chemiehandels im vergangenen Jahr.
Der Umweltausschuss bei einer Inspektion der Grundwasserbehandlungsanlage auf dem Gelände des ehemaligen Potsdamer Chemiehandels im vergangenen Jahr. FOTO: Sven Hering
Cottbus. Einen großen Erfolg kann die Stadt Cottbus verbuchen: Vom Gelände des ehemaligen Potsdamer Chemiehandels an der Parzellenstraße gelangt kein Schadstoff mehr ins Umfeld. Doch das ist nicht genug. Peggy Kompalla

Denn von den 83 Tonnen Schadstoffen im Grundwasser ist seit Sanierungsbeginn vor 15 Jahren nicht einmal die Hälfte ausgefiltert worden. Und in sechs Jahren läuft die Förderung für die Altlastensanierung aus. Deshalb muss jetzt mehr Tempo gemacht werden. Aber auch das dauert.

Umweltdezernent Thomas Bergner (CDU) ist voll des Lobes. "Das Land war uns immer ein guter Partner." Das ist nicht verwunderlich, trägt das Land Brandenburg doch mit 90 Prozent den Löwenanteil an der Altlastensanierung für den alten Chemiehandel. Bislang wurden dafür rund elf Millionen Euro ausgegeben, zehn kamen aus Potsdam. "Allein hätten wir die Sanierung gar nicht in Angriff nehmen können", konstatiert Bergner. Die Stadt schätzt die Gesamtkosten auf 18,5 Millionen Euro. Im Jahr 2023 ist es mit der großzügigen Unterstützung vorbei. "Wenn wir wie bisher so weitermachen, brauchen wir noch 100 Jahre, um alle Schadstoffe auszufiltern", sagt Bergner. Deshalb will die Stadt auf die Tube drücken.

Dafür sind in den vergangenen Jahren Pilotanlagen am Stadtring und am Parkplatz Parzellenstraße gelaufen. Sie sollten zeigen, welches Verfahren am effektivsten ist. Das Ergebnis: Es wird eine Kombination aus Bodenluftsanierung und Grundwasserreinigung. Beide Verfahren wurden in Cottbus in Pilotanlagen erfolgreich getestet.

Am Stadtring wurde ein Brunnen errichtet. Der zog aus 20 Metern Tiefe Wasser aus dem Boden, schickte es durch eine Reinigungsanlage und dann wieder zurück in den Boden. Dabei wurden dem Wasser Substanzen beigefügt, die beim Abbau der Schadstoffe helfen. Das zweite Verfahren wurde am Parkplatz ebenfalls mithilfe eines Brunnens getestet. Um ihn rund herum wurden Lanzen in den Boden gebracht, durch die Luft ins Erdreich strömte. Damit lösten sich die leichtflüchtigen Schadstoffe aus dem Boden. Die Luft wurde abgesaugt und gereinigt.

"Jetzt müssen wir die Kombination aus beiden Verfahren zur Planungsreife bringen", erklärt Umweltdezernent Bergner. Die Planung sei aufwendig. "Dafür werden wir noch dieses Jahr brauchen." Die neue Sanierungsanlage sollte dann aber 2018 errichtet werden.

Bislang läuft die Sanierung auf dem alten Industriegelände über die Bodenluft. Dafür ist das gesamte Areal von 26 800 Quadratmetern Größe versiegelt worden. Im Boden liegen Drainagen. Über sie wird mittels Unterdruck die Bodenluft abgesaugt und die leichtflüchtigen Chlorkohlenwasserstoffe ausgefiltert.

In den 70er-Jahren ist der größte Teil der Schadstoffe in den Boden gelangt (siehe Infobox). Die Chemikalien wurden über ein Bahngleis mittels Tanks und Kesselwagen angeliefert. Sie hatten ein Fassungsvermögen zwischen 15 000 und 20 000 Litern. "Die Schadstoffbelastung resultiert insbesondere aus Handhabungsverlusten und Havarien", berichtet Thomas Bergner. "Ehemalige Beschäftigte gaben pro Kesselwagen zwischen 500 und 1000 Litern an. Außerdem ist eine Havarie überliefert, bei der 20 000 Liter Ammoniakwasser im Erdreich versickerten."

Obwohl vom Gelände des alten Chemiehandels keine Schadstoffe mehr ins Umfeld ausgetragen werden, dürfen in weiten Teilen der Stadt - insbesondere in Ströbitz - keine Grundwasserbrunnen genutzt werden. Die Quelle für den Schadstoffeintrag ist dem Umweltdezernat zufolge bislang unbekannt. Die Grundwasserbelastung wird im Stadtgebiet ständig überwacht.

In der ganzen Stadt gibt es 583 Altlastverdachtsflächen.

Zum Thema:
Die Industriegeschichte des Grundstücks an der Parzellenstraße beginnt bereits 1873. Dort errichtete Gustav Samson eine Tuchfabrik, die jedoch während des Zweiten Weltkrieges zerstört wurde. Von 1942 bis 1954 befand sich dort eine Nasssteinpresserei, in der Presslinge aus Rohbraunkohle produziert wurden. 1954 folgte der Aufbau des VEB Potsdamer Chemiehandels. Der volkseigene Betrieb wurde 1990 in die Potsdamer Chemiehandel GmbH umgewandelt und schließlich 1997 liquidiert.Zur Produktpalette des Chemiehandels, der in den 1970er-Jahren seine Hochzeit erlebte, zählten unter anderem: Lacke, Farben, Industriereiniger, Lösemittel, Laugen, Säuren, Insektizide, Holzschutzmittel, brennbare Flüssigkeiten, Gifte, Schweißbedarf, Bodenbeläge und Kunststoffe.Das Umschlagvolumen der wichtigsten Chemikalien: Lösemittel Tri- und Tetrachlorethen zwischen 30 000 und 40 000 Liter im Monat, Schwefelsäure rund 40 000 Liter im Monat, Salzsäure rund 20 000 Liter alle zwei Monate, Salpetersäure rund 20 000 Liter alle zwei bis drei Monate, Aceton 15 000 bis 20 000 Liter im Monat.