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| 02:33 Uhr

Alte Dame mit mehreren Bypässen

Die Napoleaonlinde ist ein prächtiger Baum gleich am Eingang der Puschkinpromenade. Allerdings ist sie wohl nicht so alt, wie ihr Name eigentlich suggeriert.
Die Napoleaonlinde ist ein prächtiger Baum gleich am Eingang der Puschkinpromenade. Allerdings ist sie wohl nicht so alt, wie ihr Name eigentlich suggeriert. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Die Napoleonlinde am Eingang zum Puschkinpark reckt sich stattlich in die Höhe. Dabei ist der Baumstamm innen hohl und hat sogar mehrere Bypässe gelegt bekommen. Doch die Dame trotzt tapfer ihren Gebrechen. Dabei ist sie gar nicht so alt wie ihr Männer-Name suggeriert. Peggy Kompalla

Die Napoleonlinde steht gleich am Eingang zum Puschkinpark - in Sichtweite der Stadthalle. Als sie an dieser Stelle angeblich gepflanzt wurde - nämlich zu Ehren des Geburtstags Napoleons im Jahr 1813 - war dort Cottbus zu Ende.

Heimatforscherin Dora Liersch zeigt auf den grünen Streifen des Parks. "Hier stehen wir vor den Toren der Stadt im Jahr 1813", erzählt sie. Französische Truppen hatten sich in der Zeit in Cottbus breitgemacht und einen Gärtner aufgefordert seine schönste Linde herzugeben. Das war im August. "Nur wenige Tage nachdem der Baum gepflanzt wurde, waren die Franzosen weg", erklärt die Heimatforscherin. Im Herbst desselben Jahres mussten sich Napoleons Truppen in der Völkerschlacht geschlagen geben und zurückziehen.

Trotz der verbrieften Überlieferungen über die Napoleonlinde glauben weder die Heimatforscherin noch Baumfachmann Jörg Lohmann daran, dass der Baum im Park wirklich schon 200 Jahre alt ist. "Es gibt die Aussage, dass ein neuer Baum in den 1840er-Jahren nachgepflanzt wurde", berichtet Dora Liersch. Dafür gebe es allerdings keinen schriftlichen Beweis. An anderer Stelle wird gemutmaßt, dass die Winterlinde um 1900 während der Amtszeit von Oberbürgermeister Paul Werner aus Mitteln des Verschönerungsvereins gepflanzt wurde.

Nichtsd

estotrotz ist die Linde zu einem stattlichen Baum herangewachsen. Sie steht frei, hat viel Platz, ihre Krone in alle Richtungen zu strecken. Jörg Lohmann greift an den Stamm. "Dabei ist die Linde innen total hohl." Die Dame braucht regelmäßig Pflege. "Alle paar Jahre muss sie ausgelichtet werden", berichtet er. Wie vorsichtig selbst die Fachleute mit der Linde umgehen, beweist eine Erinnerung von Jörg Lohmann: "Beim letzten Mal haben wir fast vier Stunden debattiert, bevor auch nur ein Schnitt gemacht wurde."

Der Baum hat schon einiges mitgemacht. Am Stamm ist eine große Narbe zu sehen. Dora Liersch weiß woher sie stammt. "In den 70er-Jahren war hier alles Baustelle", sie zeigt rüber zur Stadthalle. Daneben entstand damals das Hotel Lausitz. "Dabei ist die Linde stark beschädigt worden." Es gab aber einen Retter. "Gartenarchitekt Joachim Scherzer hat über die Wunde am Baumstamm mit Rinde mehrere Bypässe gelegt." Tatsächlich hat das zumindest einen Teil geschlossen. Jörg Lohmann bestätigt: "Wenn es anwächst, dann hilft das." Der Baumexperte liebt die stattliche Linde besonders im Frühjahr. "Wenn sie blüht, dann duftet es herrlich und die Bienen brummen."

Zahlen & Fakten

Die Napoleonlinde ist eine Winterlinde und steht an der Puschkinpromenade unweit der Stadthalle. Die Linde trägt den lateinischen Namen Tilia. Ihr Holz ist besonders weich und ihr biegsamer Bast wurde früher von Seilern zu Schnüren, Seilen und Bogensehnen verarbeitet.

Der Lindenbaum und besonders sein Blatt ist das Symbol der Sorben und Wenden. Auch in Tschechien gilt die Linde als nationaler Symbolbaum. Bei den Germanen und den Slawen galt die Linde als heiliger Baum und war ihnen ein weibliches Wesen. In Cottbus gab es dereinst auf dem Altmarkt eine Restaurant mit dem Namen Lipa - Linde.

Viele Orte in Mitteleuropa hatten früher ihre Dorflinde, die das Zentrum des Ortes bildete und Treffpunkt für Nachrichtenaustausch und Brautschau war. Im Mai wurde unter diesem Baum gefeiert. Daher auch der Name Tanzlinde. Außerdem wurde dort oft auch Gericht gehalten, was auf die germanische Gerichtsversammlung - das Thing - zurückgeht. Die Linde ist deshalb auch als Gerichtsbaum oder Gerichtslinde bekannt. Nach Kriegen oder Epidemien gab es den Brauch, Friedenslinden zu pflanzen.