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Als Ostrow noch eine Promenade hatte

FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte des Ostrower Damms, basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt. Dora Liersch / dli9

Der Ostrower Damm zwischen der Inselstraße und der heutigen Franz-Mehring-Straße gehörte zu dem Dorf Ostrow. Die Grundstücke auf der Ostseite des Dorfzentrums, des Ostrower Platzes, reichten fast bis an den Mühlgraben. Entlang des Grabens gab es bereits vor Jahrhunderten einen Weg, vermutlich einen aufgeschütteten Damm, der das Dorf vor Hochwasser aus Spree und Mühlgraben schützen sollte. Er war zugleich der Zugang zum Löschwasser für die Dorfbewohner, falls man dieses bei einem Brand dringend benötigte.

Als ab etwa 1860 sich besonders die Tuchindustrie entwickelte, verkauften die Grundstücksbesitzer die am Damm befindlichen Grundstücksteile, denn zum Betreiben von Tuchfabriken wurde die Lage am Wasser bevorzugt. So entstanden zwischen 1865 und 1900 mehrere Tuchfabriken am Ostrower Damm. In dieser Zeit mögen auch die Eichen und einige wenige Buchen gepflanzt worden sein. Die gärtnerische Gestaltung zwischen dem Straßenbereich und dem Mühlgraben erfolgte im Jahre 1907 auf Initiative des Cottbuser Verschönerungsvereins. Ein befestigter Promenadenweg, Rasen, Strauch- und Baumpflanzungen werteten diesen Bereich auf.

Allein auf dem Teilstück zwischen Wasserstraße und heutiger Franz-Mehring-Straße befanden sich folgende Fabriken und Firmen: Ostrower Damm 10 die Tuchfabrik von Friedrich Adolf Eschenhagen und zur Miete in dem großen Komplex die Tuchfabrik von Oswald Hausten, sowie Kühn & Mohr. Nr. 11 zur Miete die Spinnerei von Louis Altenburg, die Weberei von Wilhelm Stoffel, die Tuchfabrik von Albert Helwig, sowie Chemische Produkte von Fritz Tietz. 11a vormals der Tuchfabrikant Wilhelm Kahle 1909 bereits im Besitz von dem Tuchfabrikanten Wilhelm Polscher, der wenige Jahre später auch das Fabrikgelände der Nr. 11 dazu kaufte für die eigene Tuchfabrik. Nr. 12 gehörte zur Färberei von Franz Geißler und der Eigentümer der Nr. 13 war der Tuchfabrikant Hugo Kamauke. Auf der Ansichtskarte von 1910 ist der Wohnhausanbau des dahinter befindlichen Fabrikgebäudes zwischen all dem Grün zu erkennen. Der Tuchmachermeister Friedrich Wilhelm Kamauke soll schon 1862 eine Walkerei und Appreturanstalt mit Dampfkraftanlage auf seinem Grundstück betrieben haben. Stückweise ist dann ein ganzer Gebäudekomplex entstanden, der ein schlichtes, aber harmonisches Aussehen hatte. Das Maschinenhaus mit rauchendem Schornstein stand etwa mittig auf dem Grundstück. An der Ostseite der Fabrikanlage war ein schmales Wohngebäude angefügt, das dem Fabrikbesitzer als Wohnung diente. Die vierachsige Fassade war, wie auch das anschließende Fabrikgebäude verputzt. Die Wohnhausfassade war natürlich mit zusätzlichen Stuck-elementen verziert. Der Zaun stammte aus der Bauzeit der Gebäude. Bis 1928 bestand die Tuchfabrik von Friedrich Wilhelm Kamauke beziehungsweise seiner Nachfahren als Kamauke & Söhne. Das Grundstück ging später an andere Eigentümer über, die Räume wurden weiter vermietet. Aus der Familie der Tuchfabrikanten stammt auch Dr. Kurt Kamauke, der 1866 in Cottbus geboren wurde. Er wuchs mit seinen Geschwistern auf dem Grundstück Ostrower Damm 13/ Ostrower Platz 7 auf. Er besuchte das Cottbuser Gymnasium, studierte in Würzburg Medizin und Musik, wurde Assistenzarzt in Wien, von 1895 bis 1910 Wundarzt und Geburtshelfer in Spremberg, 1905 bis 1921 Arzt in Berlin und ab 1922 bis zu seinem Tode 1944 Arzt in Spremberg. Er war aber nicht nur Arzt, sondern auch Schriftsteller und Komponist. 1900 erschienen seine "Wendischen Tänze für Pianoforte", 1901 seine Oper "Der Spielmann, 1910 "Im Spreewald" eine Orchestersuite, 1911 "Slawische Tänze". Es folgt das Singspiel "Der letzte Wendenkönig", das bereits von der Reichsschriftenkammer konfisziert und in "Macht der Liebe" geändert wird. 1933 kommt der Roman "Der Wendenbauer" heraus, der bereits 1934 konfisziert wird. Die Sage "Jutta", "Kleopatra und Messalina", sowie "Konrad Rüstig" und "Erinnerungen" (mit autobiografischen Zügen) durften noch erscheinen. Doch der künstlerische gedruckte Nachlass wurde 1936 von der Reichsschriftenkammer verboten, konfisziert und fast vollständig vernichtet.

Die Spremberger erinnerten in einem ihrer Heimatkalender an Dr. Kurt Kamauke. In Cottbus gibt es dagegen nichts mehr, dass an die Tuchfabrikantenfamilie Kamauke erinnert, denn die eigentlich denkmalträchtige und wohl früheste Fabrikanlage wurde durch Brandstiftung Anfang der 2000er Jahre stark beschädigt und ist inzwischen abgerissen worden. Wie überhaupt von den einst vielen Tuchfabriken, die Cottbus zu Reichtum verhaften, kaum noch Gebäude vorhanden sind.

Der schöne Promenadenweg ist zwar heute noch vorhanden, aber die Eichen sind riesig geworden und der Uferbereich am Mühlgraben ist ziemlich zugewachsen.

Alle Teile der Serie "Cottbus früher und heute" gibt es hier:

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