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| 01:28 Uhr

Als die Öllampe von Gaslaternen abgelöst wurde

Cottbus. In loser Folge berichtet der Cottbuser Heimatforscher Heinz Petzold über die Stadtgeschichte. Diesmal schreibt er über die Ablösung der Öllampe durch das Gasglühlicht. Heinz Petzold/rpt1

In den vorfrühlingshaften Märztagen 1861 - vor 150 Jahren - herrschte eine erregte Stimmung unter den meisten Cottbusern. Ihre "lieb gewordenen" 53 an Ketten rund um den Marktplatz und über die Durchgangsstraßen gespannten Öllampen sollten 150 Gaslaternen weichen. Jeder Widerwille war umsonst. Gasbeleuchtung war modern und dazu gehörte auch ein städtisches Gaswerk. Die Ablehnung schlug bald in Zustimmung um, sodass die Stadtverordneten schon am 23. April 1861 den Beschluss zum Bau eines Gaswerkes fassten.

Dabei glaubte man im Cottbus zum Beginn des 19. Jahrhunderts, modern zu sein, als man die 142 mit Docht und Öl betriebenen Blechlaternen auf Holzpfosten mit den hängenden Öllampen ablöste. Doch da war noch das vom Schotten William Murdoch 1792 erfundene "Leuchtgas" auf der Basis von Steinkohle. Diese Methode veranlasste die königlich-preußische Regierung nach genauer Untersuchung und finanzieller Prüfung, der Dessauer Continental-Gasgesellschaft die Konzession zu erteilen, nach dem Beispiel des "seit 1827 gasausgeleuchteten Dresden", in 25 preußischen Städten, darunter Guben und Sommerfeld (heute Polen), Gaswerke für Beleuchtungszwecke zu errichten. Angesichts solcher Anstrengungen setzte sich bei den Cottbuser Stadtverordneten immer stärker der Wille durch, ein solches auch in Cottbus zu begründen.

Unter Leitung des Stadtverordnetenvorstehers Dr. Adolf Koppe untersuchte eine extra dafür gebildete Deputation von Stadtverordneten die seit etwa 1852 allgemein betriebenen Anstrengungen und formulierte sie in konkrete Vorstellungen. Die Forderungen waren eindeutig: Cottbus wollte im Zuge des wirtschaftlichen Fortschritts auch seine Gasbeleuchtung. Doch diese war einschließlich der Gasanstalt durch die Kommune zu finanzieren und zu errichten.

Die Begeisterung unter den noch nicht 10 000 Einwohnern war groß, zumal auch der seit dem 27. Oktober 1850 im Amt befindliche erste Bürgermeister Leopold Jahr (1805 - 1884) seine Beziehungen als einstiger Abgeordneter der Preußischen Nationalversammlung und im Kreistag Cottbus zugunsten des Baues eines eigenen städtischen Gaswerkes nutzte. Die ihm zur Seite stehenden Dr. Ludwig Wilhelm Liersch, Brauereibesitzer Klemm, Tuchfabrikant Alfred Kloppe und der Apotheker Nickse unterstützten wirkungsvoll die Idee, mussten sich aber der aufkommenden Gegenmeinung erwehren, als das Kottbuser Wochenblatt am 3. Juli 1858 eine Petition veröffentlichte, in der es am Schluss hieß: "Unter diesen Umständen kann es den Bewohnern, welche zu den Stadtlasten vorzugsweise beitragen müssen, nicht verdacht werden, wenn sie einem Spekulationsgelüste entgegentreten, das nach ruhiger Erwägung nur zum Schaden des Gemeinwesens ausfallen kann, und den Antrag stellen: der Errichtung und Betreibung der Gasfabrik für die Stadt und Umgebung für Rechnung der Stadtgemeinde zu widersprechen. . .". Die Verfasser sprachen sich dagegen aus, dass "beispielsweise ihre Röhren auch in Straßen legen müssen, welche sehr wenige Privatflammen entnehmen . . ., also die Stadt in fremde Territorien hineinbauen muss". Solche Straßenleuchten sollten nur um den Altmarkt und wichtige Straßen stehen. Doch die Ostrower Tuchfabrikanten forderten die Gasmitnutzung in den "Tuchbuden". Als im Dezember 1861 ein 7,1 Kilometer langes Rohrnetz zu 150 Gasleuchten verlief und 61 000 Taler von der Stadt bereitgestellt worden waren, erfreute sich alles an der Halle.

Die damit entstehende Frage nach der Zahlung von zu viel Steuern verstummte jedoch bald mit der Gasnutzung von Direktbeziehern für Wohn- und Gewerbezwecke. Das Gas trat damit seinen Siegeslauf in die Haushalte an, ohne städtischerseits seine Hauptaufgabe zu vernachlässigen, die Plätze und Straßen "zu erhellen". Da annoncierte die Gasanstalt 1898 erstmals, dass sie "Gas-Koch-, Heiz- und Bügelapparate verleiht und die Verwendung vorführt". Zur Beleuchtung der Wohnungen wurden "echte Auer-Glühstrümpfe für 50 Pf.", Gasampeln, Gaskronen und Gaslyren angeboten. Ihr Bedarf musste "am Vortag bis nachmittags 3 Uhr" angemeldet werden. Selbst die in den Straßen aufgestellten Gasleuchten waren auf Auerlicht angewiesen.

Der Cottbuser Anzeiger stellte in seiner Ausgabe am 5. Mai 1905 fest: "Das Gas ist bisher nicht in der Lage gewesen, Gemeingut der Bevölkerung zu sein. Von den Annehmlichkeiten und Vorzügen der Gasbeleuchtung und des Gaskochens konnten somit nur diejenigen Kreise Gebrauch machen, die wirtschaftlich derart gestellt waren, dass sie die Beträge zur Abholung an einem bestimmten Termin bereithalten konnten." Der Grund solcher Informationen war die Einführung des Bezugs von Gas durch Anwendung automatischer Gasmesser. Mit solcher Einführung von Gasautomaten war es auch den minderbemittelten Bevölkerungskreisen möglich, den Bedarf an Gas zum Leuchten und Kochen mit geringen Beträgen zu erkaufen, wie zuvor beim Erwerb von Petroleum, Holz und Kohlen.

Mit der Einführung des Gasautomaten, zweckbestimmt zur Nutzung in allen Wohnräumen, schaffte die Cottbuser Gasanstalt den Streit "Finanzierung" endgültig ab. So wurde der 1. April 1905 hinsichtlich des Bezugs von Gas ein historisches Datum, was den Neid der zahlreichen Geringverdienenden in Cottbus gegenüber wohlhabenden Bevölkerungskreisen beseitigen half.