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Als Cottbuser über sich hinauswuchsen

Arbeitseinsatz in den Sachsendorfer Wiesen im Jahr 1989.
Arbeitseinsatz in den Sachsendorfer Wiesen im Jahr 1989. FOTO: Martin Kühne
Cottbus. Martin Kühne stellt klar: "Wir waren keine Helden." Das ist einer der ersten Sätze, die der Cottbuser bei der Erinnerung an die Gründung der Umweltgruppe Cottbus vor 30 Jahren sagt. Peggy Kompalla

Damals erwuchs aus losen Kontakten junger Familien eine feste Gemeinschaft, die sich fernab politischer Kontrolle unter dem schützenden Dach der Schlosskirche zusammenfand. Das war im Oktober 1987. "Dafür hat es nur ein bisschen Mut gebraucht", erklärt Kühne. Nüchtern aus dem Heute betrachtet mag das stimmen, doch in Wahrheit war dafür in dem allbeherrschenden DDR-System Haltung nötig.

Schließlich entwickelte sich die Umweltgruppe Cottbus zur wichtigste Opposition im Bezirk Cottbus. Sie deckte im Mai 1989 den Wahlbetrug bei der Kommunalwahl auf und war Triebfeder der friedlichen Revolution in der Stadt. Die Initiative Aufarbeitung Cottbus um Pfarrer i. R. Christoph Polster blickt anlässlich des Jubiläums zurück und widmet der Geschichte mehrere Veranstaltungen in den nächsten Tagen (siehe Infobox).

"Ich wollte in den Spiegel schauen können", sagt Martin Kühne, der auch heute als Grüner in der Stadtpolitik aktiv ist. Repressalien habe er damals nicht erlitten. Obwohl er doch das ein oder andere Mal vom hauptamtlichen Stasi-Offizier ins Büro zitiert wurde, das keine Außenklinke besaß. Kühne arbeitete damals im Forschungsinstitut des Braunkohlekombinats Vetschau. Und im Gespräch mit dem Stasi-Mann wurde ihm schon indirekt mit einem Berufsverbot gedroht. Doch sein "Genosse Abteilungsleiter" habe ihn geschützt. "Wahrscheinlich war ich auch nicht wichtig genug."

Was die Menschen damals in die Opposition trieb, war ein fundamentaler alltäglicher Widerspruch. "In den Medien wurde die DDR hochgejubelt, während sie vor unseren Augen zerfiel. Wir wollten Freiheit und Demokratie. Wir wollten ohne Repressalien offene Diskussionen führen und die Schöpfung bewahren."

Dabei war die Umweltgruppe keine reine politische Bewegung. Sie wurde automatisch dazu gemacht, weil ernsthafte Kritik am System dazu führten. Aber im Herzen war die Umweltgruppe genau das, was der Name sagt. Die Menschen setzten sich mit ökologischen Fragen auseinander. "Es gab unzählige Arbeitsgruppen", erinnert sich Martin Kühne. Es ging um weniger Energieverbrauch und Brotverschwendung oder wie man ohne Auto mobil sein kann. "Deshalb haben wir auch Vorschläge gemacht, wie das Radwegenetz in Cottbus verbessert werden kann." Die Umweltgruppe packte an: Die Mitglieder renaturierten in Frauendorf ein Fließ oder trafen sich zum Arbeitseinsatz in den Sachsendorfer Wiesen. "Wir haben aber auch immer einen Blick auf die Dritte Welt gerichtet", erzählt Kühne. Aus der Gruppe heraus sei später der Eine-Welt-Laden entstanden, den es noch heute an der Straße der Jugend gibt. Auch der erste Ökoladen der Stadt sei aus der Umweltgruppe heraus gewachsen. Das Rübchen habe sich immerhin einige Jahre gehalten, in einer Zeit als Bio und Öko noch nicht in Mode waren.

Ohne eine Person wäre all das möglicherweise nicht geschehen. Die Initiative ging von Peter Model aus. "Er war ein Charakter", sagt Martin Kühne. Als Statiker habe er Brücken gebaut. "Aber er war auch im Leben ein Brückenbauer. Er war der Mutigste von uns." Es war Peter Model, der persönlich den Wahlbetrug von 1989 beim Rat der Stadt Cottbus und der Staatsanwaltschaft anzeigte. "Und als die Schornsteine Am Nordrand rauchten, hat er sich den Lkw in den Weg gestellt." Unter seiner Führung wurde schnell über den Runden Tisch ein Bürgerkomitee eingesetzt, dass die Liegenschaft am Nordrand übernahm und die Stasi-Leute nach Hause schickte. "Es ist eine Genugtuung, dass die Straße, die sich heute dort durch das Wohngebiet schlängelt, seinen Namen trägt." Peter Model starb im Jahr 1993 an Krebs. "Viel zu früh", sagt Schnellsprecher Martin Kühne und hält inne. Er fehle heute umso mehr, da das Demokratieverständnis bröckelt.

Zum Thema:
Freitag, 13. Oktober9 Uhr präsentieren Schüler ihre Ergebnisse ihrer Werkstätten, in denen sie sich künstlerisch mit der Geschichte der Umweltgruppe auseinandergesetzt haben.Um 17 Uhr Eröffnung mit Schülern und Zeitzeugen mit Schirmherr Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU).Samstag, 14. Oktober10 Uhr Stadtspaziergang entlang historischer Orte der friedlichen Revolution geführt von Jugendlichen mit Zeitzeugenberichten. Start ist am Staatstheater.14 Uhr wird im Stadtmuseum der Film "Energie von unten" gezeigt und es gibt ein Gespräch mit Zeitzeugen.16.30 Uhr Erzählkaffee im Stadtmuseum mit Ingrid Model - der Ehefrau Peter Model, auf dessen Initiative die Umweltgruppe Cottbus gegründet wurde.19 Uhr Abschlussveranstaltung in der Oberkirche einer Podiumsdiskussion zu "Frieden, Gerechtigkeit, Umwelt in der Niederlausitz - Bilanz nach 30 Jahren". Dabei soll bilanziert werden, was aus den Träumen, Wünschen und Forderungen der Protagonisten geworden ist. Zu den Gästen gehören: die Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragte Maria Nooke, die Mitbegründerin des Neuen Forums und Schauspielerin Cornelia Jahr, das ehemalige Mitglied der Umweltgruppe Andreas Storch und Pfarrer i. R. und Seelsorger in den Tagebaugebieten Günter Nooke.

Bei einer Umweltwerkstatt im Jahr 1989 gibt es kritische Plakate, die die Umweltzerstörung angesichts der Energiegewinnung anprangerten.
Bei einer Umweltwerkstatt im Jahr 1989 gibt es kritische Plakate, die die Umweltzerstörung angesichts der Energiegewinnung anprangerten. FOTO: M. Kühne
Martin Kühne gehörte zu den Gründern der Umweltgruppe Cottbus. Heute ist er Stadtverordneter.
Martin Kühne gehörte zu den Gründern der Umweltgruppe Cottbus. Heute ist er Stadtverordneter. FOTO: Kein Fotograf erkannt!
Charakterkopf Peter Model der Umweltgruppe und seine Frau Ingrid in Frauendorf.
Charakterkopf Peter Model der Umweltgruppe und seine Frau Ingrid in Frauendorf. FOTO: Martin Kühne