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| 18:16 Uhr

Theatertreff
„Für die Intendanz habe ich mich nicht beworben“

 Beim Theatertreff in der Kammerbühne des Cottbuser Staatstheaters kam Moderatorin Gabi Grube am Montagabend mit dem komissarischen Generalmusikdirektor Alexander Merzyn ins Gespräch.
Beim Theatertreff in der Kammerbühne des Cottbuser Staatstheaters kam Moderatorin Gabi Grube am Montagabend mit dem komissarischen Generalmusikdirektor Alexander Merzyn ins Gespräch. FOTO: Michael Helbig
Alexander Merzyn spricht über Ansprüche an einen Generalmusikdirektor, die Kraft der Körpersprache und romantische Vorlieben. Von Ida Kretzschmar

Warum suchen wir eigentlich noch einen neuen Generalmusikdirektor? So wispert es am Montagabend durch die bis zum letzten Platz gefüllten Reihen, noch bevor Alexander Merzyn beim Theatertreff begrüßt wird. Viele der Freunde und Förderer des Staatstheaters haben ihn schon am Dirigentenpult erlebt und sind voller Begeisterung.

Kein Wunder also, dass die Frage des Abends im Raum schwebt, die Moderatorin Gabi Grube nicht auszusprechen braucht: Hat er sich um den Posten beworben? „Für die Intendanz habe ich mich nicht beworben“, pariert er mit schelmischem Lächeln. Ausführlicher wird er, als sie nachhakt, welche Ansprüche er selbst an einen Generalmusikdirektor stellt. „Er muss vor allem das Orchester überzeugen und begeistern, sodass es gern musiziert, und mit den Sängern Harmonie herstellen. Überhaupt braucht es ein kollegiales, gutes, visionäres Verhältnis zu allen Kollegen. Und ein offenes Ohr für das, was das Publikum gern hören möchte“, sagt er, was die Zuhörer mit Applaus quittieren. Für Merzyn ist es wichtig: „Das Orchester muss ein großes Mitspracherecht haben und für sich entscheiden: Das ist der Richtige!“

Wer der Richtige sei, das habe nicht er zu beurteilen. Er will einfach die Arbeit gut tun, die ansteht als kommissarischer Generalmusikdirektor, ein Amt, dass er im August nach den harschen Kritiken am Führungsstil Evan Christs übernommen hatte. Wie spielt es sich mit dem Orchester nach dieser emotional so aufregenden Zeit?, will Gabi Grube wissen. Da er erst zur Spielzeit 2017/18 als 1. Kapellmeister vom Landestheater Coburg ans Staatstheater Cottbus wechselte, habe er von den Konflikten nur kurz etwas mitbekommen. „Ich erlebe das Orchester von Anfang an als sehr leidenschaftlich und hatte nie das Gefühl, eine müde Truppe aufwecken zu müssen“, stellt Merzyn klar. Ob er die Regeln geändert habe? „Die Probe geht immer noch pünktlich los“, lacht er.

Gabi Grube fragt ihn auch nach der explosiven Stimmung bei der Opernpremiere „Macbeth“, als für das Orchester ein weiteres Zusammenspiel mit ihrem alten Generalmusikdirektor unmöglich erschien und Alexander Merzyn kurzerhand in die Bresche sprang. „Würde ich sagen, sie saßen alle auf der Stuhlkante – es wäre eine Untertreibung für das, was da im Orchestergraben passierte“, erinnert sich Merzyn. Die unglaubliche Energie und emotionsgeladene Atmosphäre habe sich auf das Publikum übertragen, das sie glänzend unterstützte und ihnen Kraft gab.

An diesem Abend im Advent aber dreht sich beileibe nicht alles um einen vakanten Posten. Die Zuhörer erfahren auch sehr viel über den persönlichen Werdegang des sich sympathisch offen gebenden Musikers. 1983 in Kiel geboren, kam er schon immer viel herum. „Mein Vater war Dirigent. Schöner Zufall: Der frühere Cottbuser Generalmusikdirektor Reinhard Petersen war einmal sein erster Chef gewesen“, verrät er. Auch Mutter und Schwester spielten Instrumente. Und so gab es auch öfter Hausmusik in Hamburg. Das ist der Ort, den er nennt, wenn er gefragt wird, wo er herkommt. Dort trifft sich die Familie auch wieder zu diesem Weihnachtsfest. Es gab aber auch schon einmal ein Weihnachten, wo er mit dem Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar in Israel war. „Am Heiligen Abend sind wir nach Bethlehem gefahren. Nur das überwältigende Weihnachtsgefühl stellte sich nicht ein. Es wimmelte von Touristen“, plaudert er über seine Reiseerfahrungen. Dass er die viel beachtete Israel-Tournee leitete, verrät er hier nicht.

Nach dem Abitur hatte es Alexander Merzyn nach Berlin zum Cello-Studium gezogen. „Nach musikalischer Früherziehung und Blockflötenunterricht entschied meine Mutter irgendwann, ich sollte Cello lernen. Das war ihr Lieblingsinstrument. Und da ich nicht gerade ein ruhiger Junge war und immer ziemlich unter Dampf stand, hoffte sie, dass Cello würde mich erden“, gesteht er. Mathe habe ihm viel Spaß gemacht in der Schule, auch ein Jura-Studium wäre vorstellbar gewesen. „Letztlich aber gab es keine Alternative zur Musik. In der sechsten Klasse bekam ich einen neuen Cellolehrer. Seitdem war klar: Ich werde Cellist“, offenbart Merzyn. Er studierte Violoncello in Berlin und gab sein Orchesterdebüt beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Kent Nagano sowie beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski. 2009 folgte ein Dirigierstudium in Weimar. „Obwohl ich das Cello sehr liebe, merkte ich schnell, noch lieber möchte ich vorn stehen. Dabei hätte ich mir nicht vorstellen können, vor ein Orchester zu treten, ohne vorher selbst Orchestermusiker gewesen zu sein“, gibt er zu.

Dabei habe er genau hingeschaut, wie man es machen sollte oder auch nicht. „Janowski war nicht gerade ein Charmebolzen, aber er war unglaublich ökonomisch. Auch Simon Rattle mit seiner empathischen Wahnsinnsenergie habe ich erlebt“, schildert er, wie er von ihm am 1. Cellopult geradezu durchgerüttelt wurde.

Immer wieder landet das Gespräch bei der Körpersprache, die ein Dirigent aussendet. „Es ist eine sehr individuelle Sache, geht es doch darum, sich so frei und authentisch wie möglich dem Fluss der Musik hinzugeben, um seine Empfindungen übertragen zu können“, beschreibt es Merzyn, der sich, was die Vorliebe in der Musik betrifft, als Romantiker outet.

Romantisch auch die erste Begegnung mit seiner Frau Nadja, die in der Kammerbühne unter den Zuhörern sitzt. Erst während einer zweiten gemeinsamen Aufführung in Hamburg traute er sich, die Soparanistin anzusprechen, gesteht er. Nun fühlen sie sich gemeinsam mit ihren zwei Kindern sehr wohl in Cottbus. „Das Theater und das Orchester sind stark verwurzelt in der Stadt“, weiß er und verbeugt sich vor diesem Publikum, das nicht weggeblieben ist, als die Wogen hochschlugen: „Das ist etwas Besonderes – eine stabile Beziehung.“