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| 19:18 Uhr

Auftritt im Gefängnis
Alexander Knappe singt hinter Gittern

Der Musiker Alexander Knappe trat in der JVA Dissenchen auf.
Der Musiker Alexander Knappe trat in der JVA Dissenchen auf. FOTO: LR / Julian Münz
Cottbus. Ein Konzert in einem Gefängnistrakt: Seit Johnny Cash vor 50 Jahren im berüchtigten Folsom Prison in den Vereinigten Staaten spielte, haben sich immer mal wieder Künstler für eine musikalische Darbietung hinter schwedische Gardinen gewagt. Von Julian Münz

Am vergangenen Mittwoch hat nun auch Sänger Alexander Knappe ein einstündiges Konzert in der Justizvollzugsanstalt Dissenchen gegeben.

„Zuerst hat mich ein Mitarbeiter des Justizministeriums angerufen“, erzählt Alexander Knappe, wie es zu diesem ungewöhnlichen Auftritt gekommen ist. Die JVA lud ihn zum jährlichen Weihnachtskonzert ein. Nach mehrwöchigen Schriftverkehr mit dem Anstaltsleiter sagte der Cottbuser Musiker schließlich zu. Vor allem die neue Herausforderung habe ihn dazu bewogen, das ungewöhnliche Angebot anzunehmen. „Wegen der Gage hätte auch mein Manager gesagt: Mach das nicht“, stellt Knappe klar.

Um sich vorzubereiten, fragte Knappe dabei auch bei seinen Kollegen Max Giesinger und Campino von den Toten Hosen an – beide hatten in der Vergangenheit schon vor Gefangenen gespielt. Auch die Justizvollzugsanstalt sah sich der Sänger im Vorfeld bereits an. „Angst hatte ich aber nicht“, erzählt der 33-Jährige nach dem Auftritt im Gefängnistrakt. Gefürchtet habe er lediglich, dass die Konzertbesucher während seiner Balladen unruhig werden würden. Stattdessen nur härtere Songs zu spielen, sei aber auch keine Alternative gewesen. „Ich habe gesagt: Wir ziehen das eiskalt durch“, erzählt Knappe – auch emotionale Lieder wie „Du“ wurden deshalb vor den Häftlingen performt. Diese nahmen das musikalische Angebot besser an als gedacht. Auch der Gefängnisdirektor habe ihm am Ende erzählt, dass er noch nie ein Konzert im Gefängnis erlebt habe, bei dem die Häftlinge so ergriffen gewesen seien. „In der ersten Reihe hat sogar jemand geweint“, so Knappe. „Meine Songs habe ich natürlich in der Freiheit geschrieben. Die haben da drin eine ganz andere Bedeutung“, erzählt der Musiker. „Weil ich wieder zu Hause bin“, heißt etwa eines seiner bekanntesten Lieder, die er auch im Gefängnis spielte.

Insgesamt eine Stunde trat der 33-Jährige in der Gefängniskirche der JVA auf. Einen Teil davon für die Strafgefangenen und den anderen für Untersuchungshäftlinge. Für den Künstler, der normalerweise auch vor mehreren Tausend Leuten spielt, war die Publikumsgröße von nur je 25 Häftlingen ungewohnt. Dazu wohnten zehn Bedienstete dem Konzert bei. Dass nicht mehr kamen, lag vor allem am Auswahlverfahren: 380 der 400 Häftlinge mussten sich auf die wenigen verfügbaren Plätze bewerben. „Das war keine Party, sondern eine Belohnung für gute Führung“, erzählt auch Alexander Knappe.

„Ich hätte mit mehr Gegenwind von meinen Fans gerechnet“, so Alexander Knappe über den Entschluss, hinter Gittern aufzutreten. Schließlich seien unter den Verurteilten auch Menschen gewesen, die wegen Mord hinter Gittern sitzen. „Da gibt es Menschen, die sind schon seit 1987 im Gefängnis. Die haben weder die Mark noch den Euro gesehen“, erzählt Knappe. Auch bei seiner Band war das Thema am Anfang umstritten gewesen. „Einige von ihnen haben Familie und Kinder, da denkt man natürlich anders über das Thema“, so der Musiker.

Normalerweise wünsche er seinen Konzertbesuchern am Ende, dass sie gut nach Hause kommen. „Vielleicht sehen wir uns irgendwann in Freiheit draußen“, gab er den Häftlingen dieses Mal mit auf den Weg. Viele haben darüber gelacht und geantwortet, dass das noch ein wenig dauern werde.

Vor Kurzem hat Knappe ein weiteres Angebot aus einem Gefängnis bekommen: Dieses Mal könnte er im Frauengefängnis spielen. „Da überlege ich mir, ob ich das noch mache“, so der 33-Jährige.