Von Christian Taubert

 „Wir haben keine Angst vor jungen Leuten.“ Die beiden Cottbuser Ruheständler Jürgen und Ute schmunzeln. Ihre Generation ist am Samstagnachmittag im Getümmel zwischen Ständen, Zelten, Tischen und Stühlen sowie der großen Bühne auf dem Erich-Kästner-Platz in Cottbus kaum vertreten. Beide trinken Kaffee und legen für ein Stück Kuchen eine Spende in die Büchse. Eigentlich wollten sie nur an die Luft. Das Familienfest der „WannWennNichtJetzt“-Tour haben sie sich aber bewusst für ihren Weg ausgesucht. Cottbus stehe immer wieder im Fokus rechter Übergriffe. „Deshalb ist diese politische Veranstaltung nötig, nicht nur in Cottbus“, sagt Jürgen, der seinen vollen Namen nicht nennen will.

Ministerin Münch kommt als Gast

Am Vormittag kommt Martina Münch vom „Cottbuser Aufbruch“ mit dem Fahrrad auf das Gelände am Piccolo-Theater und Stadthaus. „Ich bin nur User und will sehen, was sich hier tut“, sagt Brandenburgs Kulturministerin und begibt sich an die Stände von zahlreichen lokalen Akteuren, die sich gegen Rassismus und rechts richten, die für engagierte Klimapolitik eintreten und widerspiegeln, wie bunt Cottbus ist.

Für die SPD-Politikerin ist klar, „dass diese Initiative unterstützt werden muss“. Auch, wenn es diesmal nicht dafür gereicht hat, „WannWennNichtJetzt“ mit dem Bürgerfest im Puschkinpark am Sonntag unter einen Hut zu bringen. Dort formierte sich der Protest gegen den Auftritt des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der zum Auftakt des Landtagswahlkampfes der Jungen Alternative angesagt ist.

Cottbus eine von neun Städten der „WannWennNichtJetzt“-Tour

Cottbus ist eine von insgesamt neun ostdeutschen Städten, die von „WannWennNichtJetzt“-Initiatoren vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ausgewählt wurde, um Vielfalt und  Solidarität in der Bürgerschaft aufzuzeigen. 

„Gerade weil die neuen Bundesländer unter dem Image der rechten Szene leiden, „wollen wir etwas dagegen setzen und für ein tolerantes Miteinander werben“, erklärt Sarah Fartuun Heinze. Die Organisationschefin des Toleranz-Festes auf dem Kästnerplatz, die alle nur unter Sarah kennen, erklärt, dass sich täglich Menschen dafür einsetzen, dass die Rassisten nicht gewinnen. Menschen, die sich den Nazis in den Weg stellen. Ihre Initiativen seien in Cottbus präsent gewesen, seien zu Wort gekommen – an den Ständen, in Workshops und auf künstlerische Weise auf der Bühne. „Man wünscht sich immer noch mehr Besucher“, resümiert Sarah. Dennoch sei sie zufrieden.

"WannWennNichtJetzt“ auch in Forst

Für die 2017 nach Cottbus gekommene Theaterpädagogin, die mit „WannWennNichtJetzt“ auch am 17. August im Forster Stadion erneut in Aktion ist, gehört auch eine Diskussion „30 Jahre Herbst ’89 in Cottbus“ ins politische Profil Veranstaltung. „Für mich sind viele Ereignisse aus der Wendezeit noch nicht aufgearbeitet“, begründet sie.

Eine kritische Analyse und der Brückenschlag ins Jetzt und Heute können ihrer Meinung nach zu spannenden Debatten führen. So hat der Gewerkschafter Ralf Franke, damals aktiv im Neuen Forum, in der Kammerbühne von einer „großen Enttäuschung und Ernüchterung“ im Mai 1990 gesprochen, weil basisdemokratische Gruppen wie das Neue Forum zur Volkskammerwahl keine Chance gehabt hätten gegen die christdemokratische Allianz für Deutschland.

Gewerkschafter Franke warnt Politik

„Aber unsere Ziele als DDR-Opposition wie Demokratie, freie Wahlen, Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit waren erfüllt“, erläutert Franke. Dass die AfD heute mit Parolen in den Landtagswahlkampf ziehe, die Wende zu vollenden, ist für Martin Kühne „eine Frechheit und Verkehrung der Geschichte“. Der Sprecher der Umweltgruppe Cottbus fügt hinzu, „dass die Wende zu vollenden für die AfD bedeutet, dass es danach keine Presse- und Meinungsfreiheit mehr gibt“.

Franke warnt die Politik unterdessen – mit Blick auf den Einkommensbereich und einen noch immer zu niedrigen Mindestlohn – vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft. „Das führt zur Spaltung der Gesellschaft“, sagt der Gewerkschafter. „Und dort sammeln rechte Rattenfänger vermeintliche Verlierer ein.“