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| 15:37 Uhr

Cottbus
Ärger im Spree-Idyll

Um diese Wiese schwelt der Streit in Saspow. Die einen sehen darin bestes Bauland, die anderen einen Naturfrevel. 
Um diese Wiese schwelt der Streit in Saspow. Die einen sehen darin bestes Bauland, die anderen einen Naturfrevel.  FOTO: Peggy Kompalla / LR
Saspow. Der Cottbuser Ortsteil Saspow liegt im Landschaftsschutzgebiet. Darum schwelt im Dorf ein Streit. Dabei geht es um alte Bausünden, gute Aussichten, neues Bauland und Politik. Von Peggy Kompalla

Es herrscht böses Blut in Saspow. Der Konflikt entfacht sich an einer Wiese. Sie liegt malerisch am Dorfrand und wird von Wald gesäumt. Unweit schlängelt sich die Spree durch die Landschaft. Ein Hahn kräht, ein Mann geht mit seinem Hund spazieren. Das reinste Dorf-Idyll. Doch es gibt Streit. Die einen wollen auf der Wiese Eigenheime bauen. Schließlich ist das eine begehrte Wohnlage. Die anderen wehren sich dagegen. Sie wohnen direkt an der Wiese und führen den Umweltschutz als Gegenargument ins Feld. Schließlich liegt dieser Teil von Saspow im Landschaftsschutzgebiet Spreeaue. Aber auch der Grundstückseigentümer sieht sich im Recht. Nun befeuert ein Antrag der CDU Ängste. Die Fraktion will, dass der Ortsteil aus dem Schutzgebiet ausgegliedert wird. Am Mittwoch wird im Stadtparlament darüber verhandelt.

Karsten Gohr gehört zum Ortsbeirat in Gründung von Saspow. Er stellt klar: „In den 90er-Jahren ist in das Landschaftsschutzgebiet reingebaut worden. Diese Sünden dürfen sich nicht wiederholen.“ Naturschutz müsse vor Eigeninteresse stehen, betont er. Das unterstreicht Jens Taschenberger. Der Cottbuser ist im vergangenen Jahr nach Saspow gezogen, direkt an jene Wiese. „Für die Saspower ist das der zentrale Zugang zur Spree und zur Spreeaue.“ Darüber hinaus habe dieses Stück Natur eine wichtige Funktion für alle Cottbuser. „Das Gebiet ist eines von nur drei ausgewiesenen Kaltluftdurchzugsgebieten. Die sind für eine Stadt wichtig, denn sie sorgen für stadtauswärts gerichtete Ausgleichsströmungen, über die Wärme und Feinstaub abtransportiert werden“, erklärt Taschenberger. Deshalb dürfe das Grundstück nicht mit weiteren Eigenheimen zugebaut werden. Diese Auffassung unterstützt ein großer Teil der Anwohner der Straßen Saspower Waldrand und Zur Spreeaue. Sie alle sind Anrainer der Wiese und haben ein Anschreiben von Karsten Gohr und Jens Taschenberger an die Stadtspitze und die Fraktionen unterzeichnet.

Der besondere Schutzstatus wird auch an anderer Stelle gesehen. So liegt Karsten Gohr ein Schreiben von Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) vom August 2017 vor. Darin schreibt das Stadtoberhaupt nach Konsultation des Potsdamer Landesumweltamtes: „Bereits im Oktober 2016 wurde der Stadt Cottbus in Aussicht gestellt, dem Antrag auf Zustimmung zur Erweiterung von Bauflächen in dem Bereich ... nicht zu entsprechen.“ Zumal, so heißt es vom Landesumweltamt genügend alternative Baustandorte außerhalb des Landschaftsschutzgebietes zur Verfügung stünden. Deshalb ist für Karsten Gohr klar: „Rechtlich sind die Stadt Cottbus und das Land Brandenburg auf unserer Seite.“ Auch im jüngst verabschiedeten Ortsteilentwicklungskonzept wird für eine Lückenschließung im Ortsteil plädiert. Kleinere Teilflächen stünden dafür zu Verfügung.

Mit all diesen Aussagen im Rücken wundern sich Karsten Gohr und Jens Taschenberger über die Aktivitäten auf der Wiese. Jüngst wurde sie gemäht und für eine „Baulandbesichtigung“ hergerichtet. „Wie kann das sein?“, fragt Gohr entrüstet. „Wo doch rechtlich alles klar ist?“

Das Recht sieht aber auch Walter Kerps auf seiner Seite. Er ist der Eigentümer der Wiese, und ihm liegt ein Schreiben des Potsdamer Landesumweltamtes aus dem Jahr 1997 vor. Es befreit sein Grundstück von den Bestimmungen über Landschaftsschutzgebiete zur Errichtung von Eigenheimen. Kerps, der in Oberbayern lebt und das Grundstück von seinem Schwiegervater geerbt hat, betont: „Damit sind etwa zwei Drittel der Wiese von den Auflagen des Landschaftsschutzgebietes befreit.“ Deshalb habe er einen Bauantrag gestellt. Dem die Stadt aber nicht stattgegeben hat. Dagegen hat Walter Kerps nach eigener Aussage Klage am Verwaltungsgericht eingereicht. Die Stadt bestätigt, dass es ein laufendes Verfahren in dem Zusammenhang gibt.

Der Grundstückseigentümer betont: „Es geht hier um eine maßvolle Ergänzung der vorhandenen Bebauung, damit die Familien und Nachkommen alteingesessener Saspower wieder in ihre Heimat ziehen können.“ Die Nachfrage sei so groß, dass sie gar nicht zu decken ist. Auch er präsentiert eine lange Unterschriftenliste von interessierten Saspowern. Die Argumente der Baugegner sind für Walter Kerps von Eigeninteresse getrieben. „Das sind Neubürger, die in den vergangenen 20 Jahren Grundstücke an der Straße Zur Spreeaue gekauft haben. Sie wollen mit allen Mitteln ihre schöne Aussicht erhalten und weitere Wertsteigerungen in einer Top-Wohnlage sichern“, sagt er.

In diese Gemengelage stößt nun der Antrag der CDU. Er fordert die Ausgliederung der bebauten Ortslage von Saspow aus dem Landschaftsschutzgebiet. Für die Baugegner ist das Affront. Sie sprechen von „Machtmissbrauch“ und einem „Kuhhandel“ in einem Schreiben an die Stadtverordnetenversammlung. In Kopie geht das Papier an den Korruptionsbeauftragten der Stadt, Wolfgang Rupieper. Die Baugegner vermuten den alteingesessenen Saspower Hans Pschuskel hinter dem Antrag. Tatsächlich hatte der CDU-Stadtverordnete im Dezember einen ähnlich lautenden Antrag gestellt, der aber von der Mehrheit im Stadtparlament abgelehnt wurde. Deshalb ist für die Baugegner klar: „Der Antrag hat aus unserer Sicht das klare Ziel, den Landschaftsschutz mit Blick auf die unbebauten Ortsrandflächen weiter auszuhöhlen, die Einzelne profitabel als attraktives Bauland veräußern wollen.“ Unterzeichnet ist das Schreiben von Karsten Gohr, Mathias Pelz und Jens Taschenberger.

Hans Pschuskel kennt die Vorwürfe. Er selbst habe kein Interesse an besagter Wiese. Dort besitzt er selbst ein Stück Garten- und Grünland, das der Landwirt nach eigener Auskunft nicht veräußern, sondern weiter bewirtschaften will. Ihn ärgert, dass der halbe Ort im Landschaftsschutzgebiet liegt. „Die linke Hälfte ist von den Auflagen befreit und die rechte nicht. Das ist unmöglich. Das Land muss das endlich regeln“, betont Pschuskel. Tatsächlich reicht das Landschaftsschutzgebiet von der Spree bis zur Saspower/Skadower Hauptstraße. „Im Ort gibt es mehrere kleine Baugebiete, die durch das Landschaftsschutzgebiet Probleme haben. Für Saspow ist das ein Standortnachteil.“

Den Argumenten kann auch die CDU-Fraktion folgen. Wolfgang Bialas erklärt: „Das Landschaftsschutzgebiet Spreeaue Cottbus-Nord wurde 1968 eingerichtet. Nach der Wende war es die Aufgabenstellung des Landes, die Schutzgebiete zu überarbeiten und neu auszuweisen. Das ist im Fall von Saspow nicht geschehen.“ Den Ursprung des heutigen Konflikts sieht Bialas in der Genehmigung des Landesumweltamtes zum Bau im Schutzgebiet in den 90er-Jahren. „Das weckt Begehrlichkeiten bis heute.“ Mit dem Ausgliedern des Innenbereiches von Saspow aus dem Landschaftsschutzgebiet sieht Bialas eine Gleichstellung mit anderen dörflichen Ortsteilen. Er betont: „Es geht allein um die bebaute Fläche. Die Natur soll nicht zugebaut werden mit diesem Antrag.“

Das glauben die Anrainer der Wiese nicht. Für sie ist klar, dass erneut Flächen im Schutzgebiet bebaut werden sollen. Die Fehlentscheidungen der 90er-Jahre von höchster Stelle hätten sie diese Skepsis gelehrt.