Vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war die jüdische Familie Fuchs in Schokken zu Hause. Das Städtchen im Kreis Wongrowitz gehörte damals zur preußischen Provinz Posen. Vater Abraham sorgte als Kolonialwarenhändler für den Lebensunterhalt. Seine Ehefrau Berta schenkte hier den beiden Kindern Netty und Alfred das Leben. Tochter Netty war die ältere Schwester. Sie erblickte am 25. Januar 1889 das Licht der Welt. Nach dem 1. Weltkrieg trat Deutschland das Gebiet um Schokken an Polen ab. Skoki heißt die Stadt heute. Die Familie verließ ihre bisherige Heimat und zog nach Senftenberg. Netty heiratete den zehn Jahre älteren Max Dreier, der ebenfalls aus Schokken stammte. In der Cottbuser Wallstraße - heute Friederich-Ebert-Straße - betrieb er eine Viehhandlung. Drei Kinder wurden in der Ehe geboren, die beiden Jungen Ludwig und Martin sowie die Tochter Edith.

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde jüdisches Leben in Deutschland durch die Faschisten brutal aus der Normalität gerissen. Davon waren auch Dreiers betroffen. Die drei Kinder bereiteten zielstrebig ihre Auswanderung vor - Sohn Ludwig reiste mit seiner Frau 1936 nach Südafrika aus. Martin Dreier zog 1939 nach England, Edith mit ihrem Mann nach Schweden. Netty und Max Dreier blieben in Cottbus zurück. Briefe und Karten waren die einzige Verbindung zwischen Eltern und Kindern, an ein Wiedersehen war nicht zu denken. "Eure Zeilen erfreuten uns riesig. Wir sind Gott sei dank gesund", schrieb Max Dreier im Oktober 1941 an den Sohn Ludwig in Südafrika. "Warte sehnsüchtig auf Post", ließ seine Frau Netty die Tochter in Schweden wissen.

Das Jahr 1942 brachte das letzte Kapitel im Leben von Max und Netty Dreier. Im April wurde Max Dreier ins Warschauer Ghetto deportiert. Dort verlieren sich seine Spuren. Frau Netty gehörte zu dem letzten Transport, der am 27. August Cottbus in Richtung Theresienstadt verließ. Doch dieses Ghetto sollte nur eine Zwischenstation auf ihrem Leidensweg sein. Am 19. Oktober 1944 wurde sie erneut deportiert. Dieses Mal hieß das Ziel Auschwitz. Im Zug befanden sich 1493 Personen. Davon haben 72 das Lager überlebt. Netty Dreier war nicht unter ihnen. Heute erinnert in der Freiheitsstraße/Ecke Neustädter Platz ein Stolperstein an ihr Leben und den gewaltsamen Tod.

Quellen: AG Stolpersteine, Gudrun Breitschuh-Wiehe, www.collections.ushmm.org, Dreier und Familie Tarnowski, ca. 1939 - 1944