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| 18:51 Uhr

Internet als Gefahr
Ab wann ist Schule zu digital?

Digitales Lernen? Ja und nein, sagen Kritiker. Gelernt werde auf persönlicher Ebene, als Werkzeuge aber sind sie nützlich, sagt etwa Ralf Lankau. Im Steenbeck wird genau so verfahren.
Digitales Lernen? Ja und nein, sagen Kritiker. Gelernt werde auf persönlicher Ebene, als Werkzeuge aber sind sie nützlich, sagt etwa Ralf Lankau. Im Steenbeck wird genau so verfahren. FOTO: dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Cottbus/Offenburg/Potsdam. Gehört das Internet noch im viel größeren Stil in die Lausitzer Klassenräume? Manche können gar nicht genug Einsen und Nullen für den Unterricht fordern. Kritiker aber mahnen zur Vorsicht im Netz. Von Daniel Schauff

Zwei Millionen Euro stellt das Land Brandenburg für das Programm „medienfit_sek I“ zur Verfügung. Schüler und Lehrer sollen laut Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) befähigt werden, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Pro Schule gibt es dafür 20 000 Euro plus 68 Euro für jeden Schüler in der Sekundarstufe zwei, also in den Klassen sieben bis zehn. Die Lausitzer Sportschule ist die einzige Cottbuser Schule, die Teil des Programms ist.

Die Investition des Landes zeigt: Längst hat das Digitale Einzug in die Schulen gehalten – Whiteboards haben Tafeln ersetzt, Klassen-PCs und digitale Lehrbücher sind Alltag. Fluch oder Segen?

Ralf Lankau ist Professor an der Uni Offenbach und Autor des Buches „Kein Mensch lernt digital“. Lankau gilt als einer der wichtigsten Medienkritiker des Landes – kurios, denn mit Medien verdient Lankau einen großen Teil seines Geldes. Lankau lehrt unter anderem Mediengestaltung – viel digitaler geht es kaum.

Lankau hat nichts gegen die Digitalisierung, das stellt er klar. Allerdings, auch das betont er, sollte sie nur dort eingesetzt werden, wo sie Sinn macht. Im Klassenraum? Ja, sagt Lankau. Sobald aber das Internet im Spiel ist, mahnt der Professor zur Vorsicht. Der digitale Zwilling ist sein Stichwort. Jeder Anbieter im Internet erstelle vom User einen digitalen Zwilling, Bits und Bytes statt Puls und Herzschlag. „Relevant ist nur, was sich als Algorithmus abbilden lässt“, sagt Lankau.

Die Gefahr: Der Mensch wird gläsern, steuerbar. „Wir glauben immer, wir haben das im Griff“, sagt Lankau. Er zweifelt und betont: Bei Kindern ist die Gefahr noch viel größer. Erst mit 13 oder 14 Jahren könnten Jugendliche reflektieren, dass im Netz Daten gesammelt würden. Ein klares Nein zum Netz im Unterricht will Lankau nicht aussprechen. Wenn sich aber Schüler im Internet aufhielten, so sei es die Aufgabe des Lehrers zu fragen, welche Daten sie dort hinterließen. Besteht die Gefahr der Überdigitalisierung in Schulen? „Ja, absolut“, sagt Lankau.

Szenenwechsel. Andreas Käßner sitzt in seinem Büro im Max-Steenbeck-Gymnasium in Cottbus. Vier PCs pro Raum sind Standard, sagt er. Dazu kommt ein Computerkabinett. Smartphoneverbot? Im Unterricht ja, in der Schule nein. Hin und wieder, sagt der Schulleiter, nutze er die Smartphones der Schüler im Unterricht. Käßner unterrichtet Physik. Da gebe es eine Reihe sinnvoller Apps, sagt er.

Das Steenbeck-Gymnasium gilt als exzellente Schule für die so genannten MINT-Fächer: Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Die Liste der Preisträger bei Olympiaden, Wettbewerben ist lang. Der Ruf ist mehr als gut. Wer ans Steenbeck will, muss eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Es winken Schuljahre in einer modernst ausgerüsteten Schule. Käßner demonstriert die Arbeit mit dem Whiteboard. Intranet, Internet, ein Dokumentenscanner, viel mehr geht in einem Klassenraum nicht.

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern habe sich durch die Digitalisierung geändert, sagt der Schulleiter. Nicht selten komme es vor, dass Schülern ihren Lehrern helfen müssten. Autoritätsverlust? Den stellt Käßner nicht fest, es gebe keine Schüler, die eine Hilflosigkeit des Lehrers angesichts der fortschreitenden Digitalisierung des Klassenraums ausnutzen würden. Käßner betont aber auch: „Wir haben hier ausgesuchte Schüler.“ Käßner weiß, das das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern an seiner Schule etwas Besonderes ist.

Bei den Lehrern, meist 50 plus, habe die Umstellung auf digitale Klassenzimmer nicht nur für Begeisterung gesorgt. Eine Alternative, sagt Käßner, habe es aber nicht gegeben. Vor Jahren, als das Steenbeck-Gymnasium noch an anderem Standort MINT-Talente unterrichtete, seien die Klassenräume mit Kreidetafeln ausgestattet gewesen. Kreidestaub, sagt der Schulleiter aber, tue der Technik nicht gut. Kreide gibt es am Steenbeck nicht mehr.

Käßner demonstriert den Experimente-Raum. Technik gibt es hier auch, aber auch ausreichend Platz für Schüler, selbst Versuche durchzuführen. Nein, nicht alles sei digital besser. Jeden Versuch, sagt der Schulleiter, könne man digital simulieren. Das Problem: Jeder Versuch gelänge dadurch auch. „Die Schüler sollen auch einmal sehen, dass etwas in der Realität nicht immer funktioniert.“ Selbst beim Vorreiter Steenbeck also herrscht eine gewisse Digitalisierungskritik.

Das Programm des Landes fokussiert ebenfalls den richtigen Umgang mit den digitalen Werkzeugen, damit der digitale Zwilling des Siebtklässlers nicht irgendeinen Quatsch im World Wide Web anrichtet.