Ob die filigrane "Phantasie" von Martina Flohr oder die kraftvoll-fröhlichen Farbklänge von Johannes Hustädt und Matthias Limberg - die drei Cottbuser Teilnehmer am Kunstprojekt des Landesverbandes Brandenburg von Autismus Deutschland e.V. zeigen, wie sie die Welt sehen. Diese Ausstellung ist von erstaunlicher ästhetischer Qualität. Vor allem aber ist sie als Wortmeldung derer zu verstehen, um deren Interessen es geht, wenn der Begriff Inklusion fällt.

"Jeder, der von Autismus betroffen ist, ist ein bisschen anders", stellte Bildungsdezernent Berndt Weiße in seiner Eröffnungsrede fest. Die Betroffenen müssten angemessen begleitet und gefördert werden. "Und dort haben wir Nachholbedarf", sagte der Dezernent. "Obwohl es schon heute möglich ist, dass ein Kind aus der Spreeschule (Schule mit dem Förderschwerpunkt "geistige Entwicklung" - d. Red.) zum Leichhardt-Gymnasium wechselt." Voraussetzung dafür ist gezielte Förderung. Und die wiederum bedürfe des Verständnisses für die Besonderheiten von Autisten.

Auch darum ging es in den Fachvorträgen am Nachmittag, an denen neben Lehrern, Ärzten, Psychologen, Vertretern von Behindertenwerkstätten und Sozialämtern erfreulich viele junge Leute teilnahmen. Das Oberstufenzentrum hatte das Bildungsangebot für einen Projekttag seiner künftigen Heilerziehungspfleger genutzt.

Maria Kaminski, Vorsitzende des Bundesverbandes Autismus Deutschland, warb für gute Therapien und frühe Förderung: "Das ist zwar teuer, spart aber viel höhere Folgekosten", sagte sie. Auch ihr Verband wolle Inklusion. Aber, so Maria Kaminski, "wir wollten nicht, dass die ganze Last auf den Lehrern liegt, sondern die ganze Gesellschaft mitnehmen." Darauf zielt die Ausstellung im Rathaus. Es geht darum, die Öffentlichkeit für ein Thema zu sensibilisieren, das auch wegen der deutschlandweit hohen Zahl von 600 000 Betroffenen so bedeutsam ist.

Der Heil- und Autismuspädagoge Carsten Donath machte als selbst Betroffener vieler Autisten Mut, indem er feststellte: "Wenn es uns gelingt, Stärke zu stärken und unsere Nische zu finden, dann können wir durchstarten."

Im Namen des Kunstprojekts stecke nicht nur das Wort "Übermut", sondern auch "über Mut" sowie die Aufforderung "Übe Mut!". "Übermut" habe sich zum Ziel gesetzt, kreative Energien zu wecken, zu fördern und zu präsentieren.

In Cottbus bedeutet das beinahe, offene Türen einzurennen, denn neben der Kreativwerkstatt für Menschen mit Handicap im dkw Kunstmuseum und ähnlichen Angeboten im Macht los e.V. lädt die Lehrerin im Ruhestand Marion Dotzauer bei der Lebenshilfe in der Bahnhofstraße seit November jeden Mittwoch zum Malzirkel ein, an dem auch die beiden jungen Künstler vom Projekt "Übermut" Martina Flohr und Johannes Hustädt mit großer Freude dabei sind.

Zum Thema:
Autismus ist eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung. Fehler bei der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung beeinträchtigen soziale Interaktion und Kommunikation. Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und aussenden. Ihr Verhalten ist meist geprägt durch eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Aktivitäten.