Über die Standleitung der Reederei Laeisz in Bremerhaven funktioniert das Telefonat mit Kapitän Wunderlich so, als hielte er sich gerade im Nachbarort auf. Dabei liegen zwischen Cottbus und der FS Polarstern rund 14 000 Kilometer Luftlinie. Die Uhr musste der 37-Jährige aber nur eine Stunde zurückdrehen. Die Position des Schiffes der Eisbrecherklasse ist bei unserem Telefonat 69 Grad und 12 Minuten südlicher Breite, die Länge entspricht dem Nullmeridian.

Nach einem raschen Blick aufs Thermometer berichtet der Mann, der die Verantwortung für das Schiff, 44 Mann Besatzung und 40 Wissenschaftler an Bord hat: "Wir haben sommerliche minus 1,5 Grad." Licht gibt es derzeit genug in der Antarktis. Schließlich ist es 24 Stunden lang hell, allerdings seit ein paar Tagen stark bewölkt. Wie in der Heimat auch laufen auf der Polarstern jetzt die Vorbereitungen auf die Silvesterfeier. Dokumentiert werden sie in diesem Jahr von zibb-Autorin Stefanie Stoye. Noch bis Ende Januar berichtet sie für das RBB-Fernsehen jeden Montag vom Forschungsschiff. "Es wird die Möglichkeit zum gemütlichen Beisammensein und einen Mitternachtssektempfang geben", versichert Kapitän Wunderlich im RUNDSCHAU-Gespräch. Auch in der Kombüse wird alles getan, um die Menschen an Bord bestmöglich zu versorgen.

Überhaupt geht das, was die drei Köche an Bord leisten, weit über übliche Versorgungsleistungen hinaus. Ihre Arbeit ist ein wichtiger Stimmungsfaktor an Bord. "Die Mahlzeiten sind im Tagesablauf ein fixer Ankerpunkt", bestätigt der Kapitän. Dreimal am Tag gibt es ein warmes Essen und Kuchen, dazu jeden Morgen Ei in allen Varianten.

Auch der Seemannssonntag wird auf der Polarstern gepflegt. Das ist nach alter Seefahrertradition der Donnerstag. Thomas Wunderlich: "Der Sonntag war der Tag der christlichen Messe, an dem es auch eine Extraportion Rum gab. Weil die Woche zu lang war, hat man aber einen Höhepunkt geschaffen: Das war der Donnerstag." Auf dem Forschungsschiff gibt es am Donnerstag meist ein besonderes Steak und Speiseeis. Auch der Freitag ist Eistag. Weil lange Verdauungsspaziergänge an Bord unmöglich sind, steht ein gut ausgestatteter Sportraum mit Laufband, Fahrrädern und Rudermaschinen fürs Training bereit.

Der Kapitän, der vor Wehrersatzdienst und Nautikstudium an der Lausitzer Sportschule in Cottbus Abitur gemacht hat, ist nicht der einzige Lausitzer auf dem Forschungsschiff. Elektriker Andreas Brehme kommt aus Finsterwalde. Die Verbindung zur Heimat halten beide über Telefon, E-Mails und Internet. Für Fernsehempfang reicht die Bandbreite allerdings nicht.

Das ist vielleicht gut so. So kann nichts das Erlebnis Antarktis trüben. Thomas Wunderlich, dessen Vater schon zur See gefahren ist und dessen erster und einziger Berufswunsch Kapitän war, hat nach dem Studium als dritter Offizier auf einem Containerschiff angefangen. Doch die Faszination der Polarregion war so groß, dass er 2004 auf die Polarstern gewechselt ist und dort sechs Jahre später das Kommando übernommen hat.

Die Antarktis fasziniert den Kapitän heute wie am ersten Tag. Er schwärmt vom einzigartigen Naturschauspiel, wenn die Sonne die Eisberge bestrahlt, wenn die Wale vorbeiziehen und sich die große Robbenvielfalt zeigt. "Das muss man gesehen haben, um zu verstehen, wie die Welt funktioniert", sagt Thomas Wunderlich. Dort, wo die Natur noch unangetastet ist, erscheine das politische Geschehen fast surreal. Wer die sensible Natur der Antarktis erlebt, könne nur zu einer Schlussfolgerung gelangen: "Es muss für die Rettung des Klimas gearbeitet werden. Und dabei sollten alle an einem Strang ziehen." Die 40 Wissenschaftler an Bord liefern dafür wichtige Daten. Sie beschäftigen sich mit ozeanografischen Fragen, analysieren Temperaturen, Salzgehalt, Strömungssysteme und das Vorkommen von Kleinstlebewesen. Eines ist aber auch dem Nautiker mit Polarerfahrung auf den ersten Blick klar: "Die Meereiskonzentration ist stark zurückgegangen." So frühzeitig im Südpolarsommer habe es seit 40 Jahren nicht mehr so wenig Eis gegeben.

Zum Thema:
Reportagen vom Forschungsschiff laufen bis zum 30. Januar immer montags von 18.30 bis 19.30 Uhr bei zibb: 2. Januar: Frohes Neues - Silvester und Neujahr auf der FS Polarstern 9. Januar: Neumayer-Station III - Hausbesuch am Ende der Welt