Wenn Carmen Gennermann einen Einkaufsbummel macht, muss sie statt einer mindestens anderthalb Stunden einplanen. Immer wieder wird sie von Eltern angesprochen, die sich dankbar an die Geburtshelferin erinnern und den älter gewordenen Nachwuchs präsentieren. Sie selbst aber genießt solche Momente, denn Hebamme war schon in Chile ihr Traumberuf.

Carmen Gennermann war 16 und Schülerin, als sich mit dem Militärputsch das Leben in Chile von Grund auf veränderte. Ihr damaliger Mann, der eine Führungsposition im Kommunistischen Jugendverband hatte, musste in den Untergrund gehen, nachdem ein Verbindungsmann verhaftet worden war. Am 20. Juni 1977 gelang ihm die Flucht. Sie selbst hatte bis zuletzt gebangt und Höllenqualen gelitten, als sie mit ansehen musste, wie sein Flugzeug den Start abbrach, zwei Männer einstiegen und vier wieder herauskamen. "Auch als er schrieb: Ich bin auf dem Weg in die DDR, mach dir keine Sorgen, habe ich es noch nicht geglaubt", erinnert sich die Cottbuserin. Die Geheimpolizei hätte jeden zwingen können, so etwas zu schreiben. "Wenn Angehörige die Verhafteten im Gefängnis besuchen wollten, wurden sie unter irgendwelchen Vorwänden abgewiesen", berichtet Carmen Gennermann. "Monate später wurden die Leichen irgendwo gefunden, ohne dass die Leute jemals im Gefängnis gewesen wären."

Umso größer war die Erleichterung, als sie mit ihrem drei Monate alten Sohn in Berlin-Schönefeld eintraf und ihr Mann auf sie zukam. Carmen Gennermann: "Es war der 12. Juli 1977, ein sonniger Dienstag, und die Welt war in Ordnung. Wir wurden nach Eisenhüttenstadt gebracht." Im Hotel "Lunik" gab es eine Etage für Chilenen und Uruguayer.

"Ich war so glücklich, dass wir gerettet waren, dass uns niemand mehr bedroht und dass unser Sohn, der mit einer schweren Nierenkrankheit auf die Welt gekommen ist, medizinisch betreut wurde." Am 9. August sind Carmen Gennermann und ihr Mann in Cottbus angekommen. Sie gehörten zu den politisch verfolgten 150 Chilenen und 50 bis 60 Uruguayern, die in Cottbus Asyl fanden.

Der jungen Familie wurde eine Zweiraumwohnung in Sachsendorf zugewiesen. "In der Jänschwalder Straße 5, Parterre, normal eingerichtet", erinnert sich die 58-Jährige. Eine Betreuerin hat sie dann zur Sparkasse begleitet, wo sie für einen Sonderkredit unterschrieben. Sie bekamen auch einen Mietvertrag und Arbeit.

Am 5. September 1977 war Carmen Gennermann zum ersten Mal im Kreißsaal des Cottbuser Krankenhauses - als Raumpflegerin. Sie erinnert sich: "Weil Personalnot herrschte und die Kollegen spürten, dass ich Ahnung hatte, bekam ich aber bald ein Blutdruckgerät in die Hand gedrückt. Die Leitende Hebamme hat sich jeden Tag 20 Minuten Zeit genommen, um mit mir zu üben." Dabei ging es vor allem um die deutschen Begriffe für die Arbeit im Kreißsaal.

Carmen Gennermann hat von 1979 bis 1981 die Hebammenschule besucht, noch eine Tochter und mit ihrem zweiten Mann einen weiteren Sohn bekommen. Sie hatte immer Arbeit, seit 1991 als freiberufliche Hebamme, und sie beherrscht die Sprache. Sie hat gelernt, die Verkehrsschilder zu deuten, eine Geburtstagskarte wie in Deutschland üblich zu schreiben und dass man ein Geschenk einpackt.

Alles hätte also gut sein können. Wäre da nicht der unstillbare Kummer darüber, dass sie ihre Mutter nie wiedergesehen hat. Carmen Gennermann: "Das Gefühl, die Heimat verlassen zu haben, ist eine Trauer, die bleibt." Zurückzugehen ist auch keine Lösung. "Mit welchem Recht kann ich von meinem Mann verlangen, dass er mit mir nach Chile geht? Damit er wie ich eines Tages einen Brief bekommt, in dem steht, dass seine Mutter tot ist?"

Dass sie völlig integriert ist und in Cottbus geschätzt wird, ändert nichts an dem Dilemma, "dass ich nie richtig Deutsch sein kann, aber auch keine Chilenin mehr bin". Carmen Gennermann hat dennoch eine gute Lebensmaxime gefunden. Sie sagt: "Chile ist meine Vergangenheit, Deutschland ist meine Zukunft." Das hat vor allem mit ihrer Familie zu tun, der Tochter, dem großen Sohn, dem die DDR das Leben gerettet hat, und dem kleinen Sohn, der einen deutschen Vater hat.