Die "Internationale" hat ihm als Begleitmusik für den Einmarsch in die Cottbuser Theaterscheune "schon ganz gut" gefallen. Auch, wenn es längst nicht auf Linken-Ikone Gregor Gysi (68) zutrifft, dass er sich ". . . auf zum letzten Gefecht" befindet.

Seit fast einem Jahr hat er den Partei- und dann auch den Fraktionsvorsitz im Bundestag an die nächste Generation abgegeben. Seither tourt er sieben Tage pro Woche durchs Land, ist in TV-Talkshows ebenso begehrt wie bei Unternehmern am Tegernsee - und er ist am Donnerstagabend beim 8. Scheunentalk in Cottbus. "Ab dem zweiten Halbjahr will ich einen freien Tag pro Woche", habe er jetzt seinen Mitarbeitern aufgetragen. "Wenn Du es zulässt, haben die mir geantwortet."

Moderator Jens-Uwe Hoffmann muss an diesem Abend seinen Talkgast nicht einfangen. Dennoch: Er hat die richtigen Stichworte für Gysi, fragt als erstes nach seiner Pilotenlizenz. "Na, ich bin selbst geflogen", antwortet Gysi. "Wissen Sie, wie schön Cottbus von oben aussieht?" Aber, so Gysi, wer wie er einen Herzinfarkt hatte, müsse so viele Sonderprüfungen nachweisen, "das habe ich mir nicht mehr angetan".

Als es um seinen "übermächtigen" Vater Klaus Gysi geht, der für die DDR als Diplomat in Italien auch diplomatische Beziehungen zum Vatikan anbahnen sollte und dort überaus bekannt war, gibt Gregor Gysi einen kolportierten Gag zum Besten: "Der Papst fuhr oft im offenen Wagen durch Rom. Viele fragten sich damals, wer der Mann in Weiß neben Klaus Gysi ist." Bis zum politischen Umbruch sei er als Sohn immer über den Vater definiert wurden. "Erst 1993 bin ich mal gefragt worden, ob Klaus Gysi mein Vater wäre." Viel später sei er während eines Deutschlandbesuches Papst Benedikt XVI. vorgestellt worden, der zu ihm sagte: "Ich kenne doch Ihren Vater."

Viele der Episoden sind in Gysis Büchern nachzulesen. Die schweizerisch-russischen Wurzeln der Familie etwa. Doch immer wieder sorgt der Talk-Profi für einen Aha-Effekt. "Selbst Lenin hat meinen Urgroßvater gewürdigt." Und als es um seinen erlernten Beruf Rinderzüchter geht, hat er die Lacher schon wieder auf seiner Seite: "Ich kann mit Hornochsen umgehen, was in der Politik wichtig ist." Dass sein Anwalts-Freund Peter-Michael Diestel (CDU) in der DDR sogar Rinderzüchter mit Abitur gemacht hatte, führt zu einem Seitenhieb auf den Vereinigungsprozess: "Eine hervorragende Regelung, die sie aber gleich mit abgeschafft haben".

Dass Gysi auf dem politischen Höhepunkt seiner Karriere, als Oppositionsführer im Bundestag, aus der ersten Reihe zurückgetreten ist, hat ihm selbst beim politischen Gegner Hochachtung eingebracht. Aber losgeworden sind sie den streitbaren Wortakrobaten noch lange nicht. Er sagt zwar, dass er noch Kochen und richtiges Englisch lernen wolle. Sich in Politik einmischen und politisch sichtbar bleiben werde er weiterhin. So hat er seinen Linken ins Stammbuch geschrieben, dass Rot-Rot-Grün auf Bundesebene "nicht an uns scheitern darf".

Nach der jüngsten Sachsen-Anhalt-Wahl geht Gysi jetzt noch einen Schritt weiter und stellt zunächst nur die Frage: "Was hätten wir denn gemacht, wenn es die Grünen nicht über fünf Prozent geschafft hätten und die Option nur noch Schwarz-Rot-Rot gewesen wäre?"