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7 Wochen ohne falsche Gewissheiten

"Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben", so der Ire Oscar Wilde. In den Kirchen hat jetzt eine besondere Zeit begonnen.

Wir leben auf Ostern hin, und auf diesem Weg liegen Nichtverstehen, Verfolgung, Verrat, Folter und Tod. Das ist kein Frühlingsspaziergang, was sich die Kirchen jedes Jahr vornehmen: Den Weg des Leidens Jesu mitzugehen, bis zum Karfreitag und dann durch den Tod hindurch zum Leben am Ostersonntag.

Viele Christen gehen den Leidensweg Jesu mit, indem sie selbst diese Zeit bewusst wahrnehmen und versuchen, ihren Versuchungen zu widerstehen. Denn, so Mark Twain: "Versuchungen sind wie Vagabunden: Wenn man sie freundlich behandelt, kommen sie wieder und bringen andere mit." Nachgeben oder widerstehen? Soll ich, soll ich nicht? "Selber denken - sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten" lautet das Motto der Fastenaktion in diesem Jahr. Wie gehen wir mit unseren Versuchungen um? Kann ich auch mal ohne dieses oder jenes? Solches Fasten ist nicht nur eine Übung, die man mal mitmachen kann oder auch nicht. Fasten stärkt den Charakter und zeigt uns, wie stark wir sind. Und es gibt Situationen, in denen wir genau das brauchen.

Es gibt Versuchungen, über die lächeln wir - schließlich sind wir darüber erhaben. Es gibt Versuchungen, die tun wir ab - hoffentlich merkt es keiner: Damit habe ich ein Problem. Das bemerken wir meist erst dann, wenn wir einmal ohne auskommen wollen oder müssen. Es gibt Versuchungen, denen müssen wir widerstehen, und wir müssen uns auch anderen in den Weg stellen.

Das sind die Versuchungen, durch die andere Menschen zu Schaden kommen, nicht nur der Versuchte selbst. Lästern und Tratschen ist eine Versuchung - wir fühlen uns selbst besser, indem wir andere schlecht machen. Könnte ich darüber lachen, wenn meine Freundin, eine ostfriesische Blondine, dabei neben mir stehen würde? Gesund sind Witze, die mich selbst auf die Schippe nehmen und mir etwas verdeutlichen und ich am Ende über mich selbst lachen kann. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Beim Essen, im Beruf, auf der Straße, in der Liebe - überall folgen wir Gewohnheiten.

Manche sind gefährlich. In den Medien wird gerade empört über einen Menschen berichtet, der sich Bilder von nackten Kindern gekauft hat, mehr wissen wir nicht, und doch ist er schon "sozial hingerichtet", wie es eine Zeitung beschrieb. Diese Versuchung schadet Menschen und ihr muss widerstanden werden.

Viele begehen die Passionszeit als Fastenzeit, weil sie genau dafür die Sinne schärft: Wie weit habe ich mich von mir selbst entfernt? Welche Gewohnheiten bestimmen meinen Alltag? Was will ich verändern? "Selber denken - sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten", probieren wir es aus. Katharina Köhler ist Pfarrerin in Dissen