Von Andrea Hilscher

Die Oberkirche in Cottbus gehört zu den zentralen Orten der Wende in der Stadt. Kein Wunder, das dort auch in besonderem Maße an die Ereignisse im Herbst 1989 erinnert wird. Ab Freitag zeigt der Cottbuser Fotograf Rainer Weisflog Bilder des Umbruchs in der Nikolaikirche.

Es ist eine Szene, die sich so oder ähnlich in den kommenden Wochen wohl häufiger in der Oberkirche abspielen wird. Pfarrer Uwe Weise und der Fotograf Rainer Weisflog schauen sich gemeinsam die Zeitzeugnisse aus dem Wendeherbst an und kommen sofort ins Gespräch. „Wo genau war das?“ „Kannst Du Dich noch an das Transparent vom 4. November erinnern?“ „Guck mal, wie wir ausgesehen haben.“

Zentrale Momente der Wende

Die Fotos bilden die zentralen Momente der Wende in Cottbus ab. Rainer Weislflog hat damals für die Nachrichtenagentur ADN gearbeitet, die Fotos sind Auftragsarbeiten. „Es war schon ein komisches Gefühl, die Leute bei den Demos zu fotografieren“, erinnert er sich. „Obwohl Cottbus ja wirklich als letzte Stadt demonstriert hat und es schon allgemein akzeptiert war.“

Natürlich zeigt Weisflog in der Oberkirche das berühmte Bild der ersten Montagsdemonstration vor dem Theater. Er war auch am 9. November auf der Straße, bei einer Donnerstagsdemo vor der Stadthalle. „Ich bin gegen 19.30 Uhr nach Hause, habe die ersten Minuten der Aktuellen Kamera verpasst.“ Weisflog rief seine Redaktion an, fragte: „Braucht Ihr heute noch Bilder von mir?“ Er erntete verwirrende Kommentare. „Ich könne ruhig in den Westen gehen, sagten sie mir. Begriffen habe ich davon nichts.“

Die Mauer ist auf

Er sei dann noch einmal zur Stadthalle, dort wurde unvermindert demonstriert. „Die wussten auch von nichts.“ Eigentlich, so sagt er, hätte er auf die Bühne gehen können und sagen: „Leute, die Mauer ist auf.“ Aber diesen bis dahin unvorstellbaren Satz traute er sich dann doch nicht zu.

Die Bilder der Ausstellung machen am 9. November nicht Halt. Es gibt Aufnahmen aus dem Januar 1990. Die Auflösung der Stasi-Zentrale am Nordrand, die Entmachtung der Mitarbeiter, symbolisiert durch eine Haufen abgegebener Dienstausweise auf einem Tisch.

Erinnern ist Herzensangelegenheit

Für Pfarrer Uwe Weise ist das Erinnern an den Wendeherbst eine Herzensangelegenheit. „Beim betrachten der Bilder merken wir, wie wenig wir die Errungenschaften der Revolution heute noch zu schätzen wissen.“ Viele Bilder würde er heute allerdings auch mit größerer Distanz und auf einem anderen Erfahrungshorizont betrachten. Den Zeigefinger, den der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei seiner Rede in Cottbus gehoben hat. „Damals ist er uns nicht aufgefallen, heute wirkt er leicht belehrend.“

Rainer Weisflog fällt ihm ins Wort, erinnert an Kohl und Lafontaine, an unvergessene Redewendungen und Transparente. Die beiden tauchen ab in ihre Vergangenheit. Sprechen nicht von einer „friedlichen“ sondern von einer gewaltfreien Revolution. Von Ängsten, Hoffnungen und vielen kleinen Details ihres Alltags in der verschwindende DDR. Uwe Weise war zur Wendezeit Bausoldat, musste zeitweise auch in Leuna arbeiten. „Der Vorhof der Hölle“, sagt er. Wer dort gewesen sei, habe ahnen können, dass die DDR nicht lange weiter existieren konnte.

Mehrere Veranstaltungen

Die Ausstellung von Rainer Weißflog ist von Freitag an in der Oberkirche zu sehen. Sie wird flankiert von mehreren Veranstaltungen, die die Ereignisse vor 30 Jahren thematisieren. Uwe Weise: „Als Kirche können wir neutral erinnern, das ist gut in diesen aufgeregten Zeiten.“

Die Oberkirche war im Herbst 1989 Treffpunkt der Opposition und der Runden Tische.