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1874 erhielt Marienstraße ihren Namen

So sah die Cottbuser Marienstraße früher einmal aus.
So sah die Cottbuser Marienstraße früher einmal aus. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte der Marienstraße, basierend auf einer Ansichtskarte, die aus der Sammlung von Hans Krause stammt. Dora Liersch / dli9

Als 1866 die Stadt Cottbus Eisenbahnanschluss bekam, lag das Empfangsgebäude, der Bahnhof, relativ weit entfernt von der Altstadt. Das war der Beginn von der Schaffung neuer Straßen. Heute spricht man von der westlichen Stadterweiterung. Tatsächlich waren aber die Flächen bereits westlich der Taubenstraße, die damals noch Feldstraße hieß, ab der heutigen Adolf-Kolping-Straße südwärts, frei. So wurde dieses Areal als Bauland aufgeteilt und verkauft. 1874 erhielten die neu entstandenen Straßen auch Namen. Das waren die Marienstraße und die Wilhelmstraße.

In dem Cottbuser Adressbuch von 1925 heißt es zur Marienstraße: "Benannt nach Marie Gattei, der Gattin des Bauunternehmers Wilhelm Gattei, der die Straße anlegte." Kürzer ist die Erklärung zur Wilhelmstraße: "Benannt nach Wilhelm Gattei, der die Straße anlegte."

Vergeblich aber sucht man in Cottbus nach Marie und Wilhelm Gattei, ja selbst eine dementsprechende Firma taucht nicht auf. Im ersten Cottbuser Adressbuch von 1874 begegnet einem der Name Siegmund Gattei in der damaligen Taubenstraße 45. Unter der gleichen Anschrift fungiert die Firma Gattei und Wolfsohn als Tuchgeschäft. Alfred Wolfsohn wohnte ebenfalls im Hause. Es war das Haus, das Gustav Richter mit seinem Geschäft für Leinen, Wäsche, Weißwaren gehörte. Das Haus hatte zuletzt die Adresse Kaiserstraße 80 und ist 1945 zerstört worden. Im Adressbuch von 1876 begegnet einem der Kaufmann Bernhard Gattei. Er hat Baugrundstücke erworben und lässt in der Bahnhofstraße 34 bis 37 (heutige Nummerierung) vier Wohnhäuser errichten. Bis 1881 folgen die Häuser Wilhelmstraße 14,15 und 16 und bis 1993 in der Marienstraße die Häuser 27, 28 und 30. Außerdem erhält das Grundstück Marien-, Ecke Wilhelmstraße eine Einfriedung mittels Spalierzaun. Bernhard Gattei wird als Hauseigentümer zunächst als Rentier in Dresden, später in Berlin lebend angegeben. Siegmund Gattei lebt in Cottbus, zog in eines der "Bernhard Gattelschen Häuser" in der Bahnhofstraße und fungiert als "Vize-Wirt" des Hausbesitzers. Sein Name taucht auch in der Repräsentantenliste der Cottbuser Jüdischen Gemeinde auf. Mehr war bisher zu den Gatteis in Cottbus nicht zu erfahren.

Die Häuser sind im Laufe der Jahre weiter verkauft worden.

Bei unserer alten Ansichtskarte mit dem Blick von der Taubenstraße in die Marienstraße steht links das kleine Haus Taubenstraße 24, in dem heute sich die Töpferei von Ilona Möbert befindet. Die beiden nächsten Gebäude sind die Marienstraße 27 und 28, zwei stattliche Häuser aus der Gründerzeit. Sie wurden von der Dresdener Architekturfirma Vogel & Grötsch 1876 erstellt, Bernhard Gattei wurde der Eigentümer. Man sieht den Häusern auch heute noch an, dass sie gestalterisch aus einer Hand stammen. Beide Häuser erwarb noch in den 1890er Jahren der Kaufmann Hermann Koberstein. 1904 sind sie im Besitz des Kommerzienrats Arnold, der in Dresden lebte. Später übernimmt der Kaufmann Wilhelm Hospe das Haus Nr. 27. "Lausitzer Versandhaus" nennt Wilhelm Hospe seine Firma mit Kurz-Galanterie-Bijouterie und Stahlwaren en gros. Im Jahre 1940 war Wilhelm Hope Rentier und die Firma lief unter seinem Namen, aber als Inhaber fungierte Helmut Suder. Nach 1945 befand sich in dem kleinen Laden eine Fellannahmestelle. Hier konnte man also die Felle der geschlachteten Kaninchen abgeben. Um 1999 war das Cityreisebüro in dem Laden. Der Installateur Hermann Koberstein war 1904 im Besitz der Nr. 28. Das Haus war 1940 in den Händen von Klara Busch, die in Lieberose lebte. In dem vorhandenen Laden arbeitete nach 1945 der Schuhmacher Schröter. Schuhe gibt es auch heute noch, allerdings nur zum Kaufen, nicht mehr zum Hinbringen, um sie reparieren zu lassen. Ein Naturkostladen versuchte sich ebenfalls in diesem Hause.

Das Eckgrundstück zur Wilhelmstraße ist selbst heute noch nicht mit einem großen Wohnhaus bebaut. Viele Jahre hatte der Bäckermeister aus dem gegenüberliegenden Haus Wilhelmstraße 3 auf diesem Grundstück seine Hühner untergebracht.

Nach dem Kreuzen der Wilhelmstraße, die 1993 ihren alten Namen zurück bekam und bis dahin

Oskar-Hoffmann-Straße hieß, steht das Haus Wilhelmstraße 16, ebenfalls ein "Gattei-Haus". Später auch verkauft, war es 1940 im Besitz von Prof. Dr. Erwin Noack. Dieses Eckhaus fiel durch sein besonders hohes Erdgeschoss auf. Viele Jahre befanden sich darin Dienststellen, beispielsweise d4f Ortskrankenkasse für den Landkreis Cottbus. Danach folgt noch die Marienstraße 30. Alle Gattei Häuser waren gleich hoch mit Erdgeschoss und drei weiteren Etagen. So auch die Nr. 30, in der es aber kein Ladenausbau gab. Auch dieses Haus wechselte die Besitzer. 1891 noch im Eigentum von Bernhard Gattei, 1899 von Frau Pauline Wietasch, geborene Fix, 1904 von Frau Lina Beulig, 1921 der Witwe Emma Schentke gehörend und 1940 Eigentum von Margerete Schentke. Es war immer ein reines Mietshaus.

Auf der rechten Straßenseite steht im Vordergrund das Haus Marienstraße Nr. 6. Heute ist das Haus glatt abgeputzt und verrät so sein Baudatum nicht mehr. Errichtet wurde dieses Gebäude für den Fleischermeister Oswald Gerber. Natürlich mit einer eigenen Fleischerei. Das Haus muss schon vor 1886 gestanden haben, denn der Fleischermeister ließ es 1886/87 bereits umbauen. Auch 1940 war dieses Haus noch im Besitz der Fleischermeisterfamile Gerber. Der Laden wurde später von verschiedenen Geschäftsleuten genutzt. Das nächste Haus war die Marienstraße 5. Sein Eigentümer war Otto Schatz mit seiner Eisenkonstruktionsfirma. Das Grundstück war bis zur damaligen Lausitzer Straße 4 (heute Adolf-Kolping-Straße) durchgängig. Es war ebenfalls ein insgesamt vierstöckiges Haus mit diversen Seitengebäuden. Am 15. Februar 1945 zerstörte ein Bombenvolltreffer das Gebäude total und es ist nie wieder aufgebaut worden. Seit Jahrzehnten befindet sich inzwischen die Ofenbaufirma Grätz auf dem Gelände der Marienstraße 5. Auch das nächste Haus, die Marienstraße 4, hat bei dem Angriff gelitten. Genau die Hälfte des Hauses ist zerstört worden. Treppenhaus und linke Hausseite war erhalten geblieben und wurden weiter bewohnt. Erst um 1995 ist die verbliebene Haushälfte ordentlich geschlossen worden. Zurzeit ist das Haus eingerüstet. Ursprünglich (1891) gehörte das Haus dem Glasermeister Moritz Bormann. Der letzte Eigentümer war die Familie Beil. Im Hause gab es auch einen Laden, der 1940 als Gemüsegeschäft von den Damen Marie und Margarete Enderling geführt worden war. Das folgende Eckhaus ist die Wilhelmstraße 3 und ihr gegenüber erhebt sich ein Neubau. Dieses Grundstück war jahrzehntelang als Garten genutzt und erst zum Beginn der 2000er-Jahre bebaut worden.