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17. Juni 1953: Warnschüsse, Panzer und Ausnahmezustand

Demonstranten werfen am 17.06.1953 in Berlin mit Steinen nach sowjetischen Panzern. Nach Streiks in Ost-Berlin kam es zum Volksaufstand, der von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde.
Demonstranten werfen am 17.06.1953 in Berlin mit Steinen nach sowjetischen Panzern. Nach Streiks in Ost-Berlin kam es zum Volksaufstand, der von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde. FOTO: DB dpa (dpa)
Cottbus. In Berlin ist am Samstag an den DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert worden. Bei einem gemeinsamen Gedenken von Bundesregierung und Land legten Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (beide SPD) auf dem Friedhof Seestraße am Mahnmal für die Opfer des Volksaufstandes Kränze nieder. Wie war es damals in der Lausitz? LR-online wiederholt aus aktuellem Anlass ein Stück zum Jahrestag. Simone Wendler

Dass Erich Schutt vor über 60 Jahren in der Cottbuser Innenstadt Augenzeuge von einem Stück deutscher Geschichte wurde, war Zufall. Der spätere langjährige RUNDSCHAU-Fotograf arbeitete damals in einem Foto-Geschäft in der Innenstadt. Die lange Mittagspause vertrieb er sich in der Nähe des Ladens. Auch am 17. Juni 1953.

"Da kamen plötzlich viele Menschen in Richtung Altmarkt gelaufen" erinnert sich der heute 81-Jährige. Von dort drängten sie zur Mauerstraße, wo sich eine Polizeiwache mit Zellen für Untersuchungshäftlinge befand. Eine Polizeikette habe die Menge dann gestoppt. "Die haben sich Einzelne aus dem Demonstrationszug herausgegriffen und durch die Polizeikette nach hinten gezogen", beobachtete Schutt damals aus sicherer Entfernung.

Irgendwann sei die Menge dann zum Altmarkt zurückgeströmt. Dann tauchten Rotarmisten auf und es fielen Schüsse in die Luft. Da seien die Leute auseinandergelaufen. Als Schutt, der damals in Vetschau wohnte, am nächsten Tag zur Arbeit nach Cottbus kam, stand ein russischer Panzer mitten in der Bahnhofstraße vor der örtlichen SED-Zentrale.

"Die waren eigentlich friedlich, dem Marsch hatten sich viele Leute spontan angeschlossen", beschreibt Schutt, wie er die Demonstranten vom Altmarkt in Erinnerung behalten hat. In den Berichten, die Volkspolizei und SED aus dem Bezirk Cottbus danach nach Ost-Berlin schickten, liest sich das anders.

Von "ernstem Widerstand" ist da die Rede und auch die vermeintlichen Anführer werden genannt. "Angehörige der Jungen Gemeinde" und "eine Anzahl weiblicher Wesen (Prostituierte)" hätten die Streikbewegung ausgenutzt, um diesen Zug vom Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Cottbus zum Altmarkt zu organisieren.

Das RAW mit 2500 Mitarbeitern war einer der Schwerpunkte des Aufruhrs an diesem Tag. Am Vormittag begann dort ein Streik und ein erster Protestmarsch in Richtung Cottbuser Innenstadt, der von sowjetischem Militär gestoppt wurde. In 24 Betrieben der Stadt wurde an diesem Tag die Arbeit niedergelegt. Am Abend verhängte der sowjetische Militärkommandant den Ausnahmezustand über die Stadt.

Zahlreiche Streiks gab es auch in Lauchhammer, Lübben, Lübbenau und Finsterwalde. Als "wertvoll" registrierte die Volkspolizei das Verhalten der Braunkohlekumpels. Diese hätten sich in keinem Fall den Arbeitsniederlegungen und Protesten angeschlossen.

Die Forderungen der Protestierenden in der Region richteten sich wie in der ganzen DDR gegen die Erhöhung von Arbeitsnormen und steigende Preise in den Läden der HO (Handelsorganisation). Sie schlugen aber schnell auch in politische Forderungen um: "Nieder mit der Regierung, Freiheit für alle Gefangenen" wurde in Cottbus skandiert. Auch der Ruf nach freien Wahlen erscholl.

Der Aufstand des 17. Juni 1953 blieb aber nicht auf die Städte der Region beschränkt. In Jessen (heute Sachsen-Anhalt) versammelten sich an diesem Tag schon früh am Morgen 250 Landwirte auf dem Marktplatz. In den Augen der Volkspolizei "Großbauern". Vor der Kreisverwaltung forderten sie die Freilassung inhaftierter Kollegen.

Dass die Demonstranten nicht die berechnenden "Konterrevolutionäre" waren, als die sie von der DDR-Führung dargestellt wurden, zeigt ein im Polizeibericht vermerkter Zwischenfall. Einem Polizisten wurde in Jessen die Waffe entrissen. Im Laufe des Tages wurde sie in der Polizeiwache wieder abgegeben.

Nicht alle Polizisten im damaligen Bezirk Cottbus waren bereit, gegen Streikende und Demonstranten vorzugehen. Sechzehn von ihnen erhielten deshalb Disziplinarstrafen. Manchmal war jedoch auch schiere Feigheit im Spiel. Der Politstellvertreter der Polizeiwache Lauchhammer stieg mit zwei Wachtmeistern aus dem hinteren Fenster der Unterkunft, als sich Demonstranten näherten. Sie versteckten sich eineinhalb Stunden in einem Kornfeld.

An den Streikaktionen im Bezirk Cottbus beteiligten sich damals rund 40 000 Menschen. 120 wurden festgenommen. Auch an den folgenden Tagen wurden weitere vermeintliche Anführer und Beteiligte der Proteste verhaftet.

Tote gab es bei dem Aufstand in der Lausitz nicht. Einige SED-Funktionäre wurden verprügelt. Die Zahl der Verletzten war laut Polizeiprotokoll gering. Ein "Provokateur" wurde im Kreis Lübben durch einen Sowjetsoldaten angeschossen. Ein Polizist erhielt bei einem Handgemenge eine Kratzwunde im Gesicht. Im Kreis Jessen wurde einem Jungpionier ein Finger gebrochen, als ihm sein Halstuch abgerissen wurde.