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| 15:50 Uhr

Lokale Verkehrspolitik
Von Protestlern zu Einmischern

 Im Dezember 2009 übergibt ProTram die Unterschriftenlisten für das Bürgerbegehren zum Erhalt und zur Erweiterung der Straßenbahn in Cottbus: Jana Böttcher (v.r.), Dieter Schuster, Günter Weigel und Joachim Nächilla in der Hand.
Im Dezember 2009 übergibt ProTram die Unterschriftenlisten für das Bürgerbegehren zum Erhalt und zur Erweiterung der Straßenbahn in Cottbus: Jana Böttcher (v.r.), Dieter Schuster, Günter Weigel und Joachim Nächilla in der Hand. FOTO: Jürgen Becker
Cottbus. ProTram wurde vor zehn Jahren gegründet, als die Stadtväter über die Abschaffung der Straßenbahn diskutierten. Heute geht es der Initiative um mehr, als den öffentlichen Nahverkehr. Von Peggy Kompalla

Vor zehn Jahren planten die Stadtväter den langsamen Tod der Straßenbahn. Doch die Rechnung hatten sie ohne die Cottbuser gemacht. Es gab massive Proteste. Aus diesem Widerspruch heraus gründete sich mit ProTram eine Bürgerinitiative, die sich seither in die Verkehrspolitik der Stadt einmischt und für manches Umdenken gesorgt hat. Der Fokus hat sich dabei in den vergangenen Jahren verändert. Heute haben die Vordenker nicht mehr nur den öffentlichen Nahverkehr im Blick, sondern den gesamten Umweltverbund.

ProTram ist eine feste Größe in Cottbus geworden. Der Interessensverband hat auch im aktuellen Nahverkehrsplan seine Stellungnahme abgegeben. Dort ist zwar längst keine Rede mehr von einer Reduzierung des Straßenbahnverkehrs. Im Gegenteil: Cottbusverkehr wird mit dem neuen Fahrplan nach der Freigabe des Bahnhofs mehr Kilometer fahren. Trotzdem ist aus Sicht von ProTram nicht alles ideal. Dieter Schuster findet zwei Hauptkritikpunkte: Zum einem werde der Zweig nach Sachsendorf geschwächt, weil der Stadtteil künftig nur noch mit einer statt bisher zwei Linien bedient wird. „Zum anderen erschwert die unterschiedliche Taktung der Linien das Umsteigen“, sagt er. Die Linien werden je nach Linie alle zehn, 15 oder 20 Minuten fahren.

Gleichzeitig hält die Bürgerinitiative an einer alten Forderung fest: „Das Straßenbahnnetz stammt aus den 80er-Jahren. Die Stadt hat sich seither verändert. Damit muss sich auch das Straßenbahnnetz ändern“, betont Dieter Schuster. Netzerweiterungen sind damit aus Sicht von ProTram weiterhin das Gebot der Stunde.

Ganz vorn steht demnach die Anbindung der Spremberger Vorstadt und des Carl-Tiem-Klinikums (CTK), gefolgt von einer Linie zum BTU-Campus und einer zum Lausitz Park. Für die nähere Zukunft ist eine Verbindung von der Innenstadt bis zum Ostsee wichtig. Die ersten drei Strecken-Erweiterungen standen schon im Konzept von ProTram im Jahr 2009. „Das waren unsere wesentlichen Forderungen“, erinnert sich Dieter Schuster, der zu den Mitstreitern der ersten Stunde zählt. „Darauf baut alles andere auf.“

Den Protesten von 2009 folgte ein Bürgerbegehren. ProTram sammelte dafür knapp 9500 Unterschriften. Das Bürgerbegehren wurde vom Stadtparlament zwar abgelehnt. Das sah zunächst nach einer Niederlage aus. Aber die Lokalpolitik hatte verstanden: Es wurde eine Machbarkeitsstudie für das Cottbuser Straßenbahnnetz in Auftrag gegeben – dabei wurden sowohl die bestehenden Strecken analysiert, als auch die vorgeschlagenen Netzerweiterungen. „Damit waren wir zufrieden“, sagt Schuster. „Es war ja auch aus unserer Sicht wichtig, unsere Vorstellungen mit Zahlen zu belegen.“ Dabei sei nicht klar gewesen, ob die Verkehrsplaner zu einem positiven Ergebnis kommen.

Kamen sie: Die wirtschaftlichste Streckenerweiterung ist demnach die CTK-Schleife. Kostenpunkt: sechs Millionen Euro. „Der Kosten-Nutzen-Faktor ist mit 2,82 höher als bei Stuttgart 21“, betont Dieter Schuster. Bei Cottbusverkehr liegen die Pläne seit 2010 in der Schublade. Der kommunale Verkehrsbetrieb wartet seither auf eine Förderung für Streckenerweiterungen. Dabei war das Projekt kurz gefährdet, erinnert Dieter Schuster. „Als die Stadt 2012 den Umbau des Bahnhofs beschlossen hatte, sollte in dem Zug der Ast zur Jessener Straße stillgelegt werden“, erzählt er. Aus dem Grund sollte eine Weiche eingespart werden. „Aber das hätte auch bedeutet, dass es niemals zur CTK-Schleife kommt.“ ProTram macht Druck und überzeugt mit Argumenten. Schließlich werden die Pläne geändert und die Weiche eingebaut.

Mittlerweile hat sich der Blick der Gruppe erweitert – sprich, es geht über den öffentlichen Nahverkehr hinaus. Die Belange von Fußgängern und Radfahrern rücken in den Fokus von ProTram. Unterstützt wird die Initiative dabei durch den ökologischen Verkehrsclub VCD, unter dessen Dach ProTram ein neues Zuhause gefunden hat. Dieter Schuster sagt: „Zwischen 2007 und 2018 wurden in Cottbus nur zwei reine Radwege mit einer Gesamtlänge von 2,2 Kilometern gebaut.“ Dagegen sei für die Sanierung von Straßen und den Bau von Parkplätzen trotz Sparzwang Geld da. Deshalb kommt ProTram zu dem Schluss: „Cottbus ist immer noch eine Autostadt.“ Deshalb setzt die Initiative gemeinsam mit dem VCD bereits beim Nachwuchs an. Dabei geht es darum, wie die Kinder in Kita und Schule kommen. „Die Kinder müssen lernen, nicht überall mit dem Auto hinzufahren.“