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| 08:00 Uhr

Kopf des Golßener Vereins „Zukunft Heimat“ verfolgt Politik der Extreme
Christoph Berndt und sein rechtes Netzwerk

Christoph Berndt, AfD-Mitglied und Verantwortlicher des Golßener Vereins „Zukunft Heimat“
Christoph Berndt, AfD-Mitglied und Verantwortlicher des Golßener Vereins „Zukunft Heimat“ FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Der Kopf des Golßener Vereins „Zukunft Heimat“ sucht bundesweit nach Verbündeten. Von Andrea Hilscher

Chistoph Berndt ist 61 und arbeitet als Labormediziner in Berlin. „Noch“, sagt er, im Alter würde sich vieles ändern. Vor ein paar Jahren ist der Ost-Berliner in den Landkreis Dahme-Spreewald gezogen. Von dort aus macht er sich nun auf, die Republik zu verändern. Als Kopf des Golßener Vereins „Zukunft Heimat“ und als Netzwerker, der deutschlandweit Bündnisse knüpft mit rechten, fremdenfeindlichen und zum Teil rechtsextremen Gruppierungen.

„Zukunft Heimat“, eine Bürgerinitiative mit rund einhundert Mitgliedern, machte im Frühjahr 2018 erstmals überregional Schlagzeilen  mit asylkritischen Demonstrationen in Cottbus, die auch von bekannten Rechtsradikalen und vorbestraften Gewalttätern besucht werden.

Berührungsängste kennt der Vereins-Chef nicht. „Solange sich die Menschen bei uns friedlich verhalten, ist doch alles gut.“ Der Verfassungsschutz allerdings sieht die Verbindungen zwischen der alteingesessenen rechtsextremen Szene von Brandenburg und dem Verein kritisch. Das Brandenburger Innenministerium schreibt den Demonstrationen von „Zukunft Heimat“ eine „Scharnierfunktion“ zwischen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten zu. Sie seien geeignet, der Verbreitung fremdenfeindlichen Gedankengutes Vorschub zu leisten.

Christoph Berndt aber sieht sich und seine Anhänger, die ihn gern „das Gesicht des Widerstands“ nennen, nicht als rechtsextrem. „Im Gegenteil, wir sind zutiefst liberal“, sagt er – wohl wissend, dass Verallgemeinerungen über „kriminelle Ausländer“, „Messereinwanderung“ oder das „menschenverachtende Experiment einer multikulturellen Gesellschaft“ exakt die Ressentiments von Rechtsextremen schüren.

Der Mediziner nutzt seine Kundgebungen geschickt, um Grenzen des Sagbaren auszuloten.  Längst ist sein Verein eng vernetzt. Mit der AfD, der asylkritischen Pegida-Bewegung, der bundesweiten völkisch-nationalistischen Sammlungsbewegung „Ein Prozent“.

„Diese Vernetzung war schon 2015 unser erklärtes Ziel“, sagt Christoph Berndt. „Unsere Bürgerinitiative ist klein, die Probleme riesengroß. Schließlich haben wir den Anspruch, dieses Land zu retten.“  Er malt an einem Bild, das Deutschland vor dem Untergang sieht, angeblich ruiniert durch die Politik.

Die Ängste, die er damit schürt, treiben die Menschen auf seine Demonstrationen. „Inzwischen sind natürlich viele Leute auf mich aufmerksam geworden und haben mich angesprochen“, erzählt der Labormediziner. Menschen aus Köthen hätten ihn gebeten, dort eine Kundgebung zu organisieren, mit dem Bündnis „Kandel ist überall“ hat er sich ebenso vernetzt wie mit der Berliner Gruppierung „Merkel muss weg“, der „Heimatliebe Brandenburg“ aus Eberswalde und dem Dresdner Verein „Pro Mitsprache“. Weniger offensiv bewirbt der Verein seine Berührungspunkte mit der vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“.

Szenenwechsel. Ein Abend im Cottbuser „Bürgertreffpunkt“ in der Mühlenstraße. Mit diesem Laden versucht „Zukunft Heimat“, in Cottbus eine feste Anlaufstelle zu schaffen. An der Spitze des Treffs steht eine Frau, die wiederum eng mit der „Identitären Bewegung“ verbunden ist.  Sie fungiert heute als Gastgeberin und Moderatorin einer gut besuchten Veranstaltung: Angesagt hat sich John Hoewer, ein rechter Burschenschafter aus Köln, der für die AfD-Bürogemeinschaft im Bundestag arbeitet.

Hoewer gilt auch innerhalb der AfD als Rechtsaußen, spätestens seit bekannt wurde, dass er 2017 in Rom bei einem Kongress der Jugendorganisation der italienischen Rechtsextremistengruppe Casa Pound zu Gast war. Die Mitglieder von Casa Pound bezeichnen sich als „Faschisten des 3. Jahrtausends“. An dem Kongress in Rom nahmen Vertreter von rechtsextremen Gruppen aus mehreren europäischen Staaten teil, darunter die griechische Neonazi-Partei Goldene Morgenröte.

Mit der Lausitz verbindet Hoewer positive Erinnerungen, habe er doch schon vor zwei Jahren auf einer Kundgebung von „Zukunft Heimat“ in Lübbenau auftreten dürfen.

Heute ist er gekommen, um über ein Lieblingsthema der Rechten zu sprechen, den drohenden „Bevölkerungsaustausch“ in Deutschland und in Europa. Im Publikum zahlreiche Cottbuser Rentner, aber auch Anhänger der „Identitären Bewegung“. Marianne Spring-Räumschüssel, Fraktionschefin der AfD im Cottbuser Rathaus, ist ebenfalls unter den Anwesenden.

Hoewer  konstatiert in seinem Vortrag eine angebliche „Überfremdung“ des Landes und versucht, seine Thesen mit statistischem  Material aus den Jahren 2009/10 zu belegen. Er spricht über einen vermeintlichen Gegensatz zwischen „Volk“ und „Staatswesen“ und ereifert sich darüber, dass etwa die konservative Bertelsmann-Stiftung in ihren Studien „ein Kind von zwei Afrikanern oder zwei Arabern, die beide in der BRD geboren sind, bereits als ‚deutsches Kind‘ zählt.“

 Mit dieser Auffassung hängt er einer eindeutig rechtsextremen Volksgemeinschaftsideologie an, gibt aber zu: „Die AfD stellt das vor eine große Herausforderung. In westdeutschen Städten wie Offenbach können wir einfach keinen knallharten Anti-Türken-Kurs fahren, wenn wir Stimmen holen wollen.“

Auch Christoph Berndt, ebenfalls im Publikum, nutzt gern Begriffe wie „Volk“, „Heimat“, „Gemeinschaft“. Auch er baut Gegensätze auf: Zwischen dem „wir“ des rechten Netzwerkes und der Regierungspolitik. Dort, so erklärt er gegenüber der RUNDSCHAU, hänge man einem Weltbild nach, das dem der Jakobiner oder der Kommunisten ähnele. „Völlig schräg“, sagt Berndt. Die Regierenden würden das Individuum in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Daraus resultiere eine Politik, die unsozial sei und krank mache.  „Wir aber glauben an die Gruppe als das zentrale Element. Das ist eine grundsätzlich andere Sicht auf das Leben.“ Der Mensch, so doziert Berndt weiter, sei evolutionär darauf geeicht, kleinste Unterschiede zwischen Gruppen wahrzunehmen, es sei also völlig unmöglich, alle Menschen als gleich zu sehen. „Das wäre unnatürlich.“

Christoph Berndt ist Mitglied der AfD. Im Vordergrund, so sagt er, steht weiterhin seine Arbeit für „Zukunft Heimat“.  Ob er bei den anstehenden Wahlen für ein Amt kandidieren möchte, lässt er offen. „Das muss man abwarten.“

Zunächst das Naheliegende: Für den 1. Dezember mobilisiert Berndt zur Kundgebung in Berlin. Unter dem Motto: „Migrationspakt stoppen“ wollen „Zukunft Heimat“, Pegida, „Kandel ist überall“ und „Merkel muss weg“ am  Samstag   vor dem Brandenburger  Tor  demonstrieren.