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| 18:28 Uhr

Spremberg
Hühnerwasser-Quellgebiet wird weiter erforscht

Hydrologe Christoph Hinz (l.) lässt tief in einen der Grundwasser-Brunnen im Hühnerwasser-Quellgebiet blicken. ⇥Foto: Annett Igel-Allzeit
Hydrologe Christoph Hinz (l.) lässt tief in einen der Grundwasser-Brunnen im Hühnerwasser-Quellgebiet blicken. ⇥Foto: Annett Igel-Allzeit FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. Als „Chicken-Creek“ ist das Quellgebiet Hühnerwasser bei Spremberg weltweit bekannt. Es wurde künstlich geschaffen, dann der Natur überlassen. Annett Igel-Allzeit

Das Quellgebiet des Hühnerwassers im Rekultivierungsgebiet des Tagebaus Welzow-Süd darf weiter von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg erforscht werden. Ameisen eilen zwischen den Löchern der Trittsteine hin und her. Das Gras bildet noch keine Wiese, sondern ist in Büscheln zählbar, der Löwenzahn hat in diesem Jahr schnell seine Samen gebildet. Neben Robinien haben sich Birken, Kiefern, erste Eichen hochgearbeitet. Weiden und Pappeln stehen am Teich. Es dauert eine Weile, bis sich zum Froschkonzert auch eine Ralle äußert.

Werner Gerwin erklärt, wie am Erosionsgraben das zulaufende Wasser gemessen wird.
Werner Gerwin erklärt, wie am Erosionsgraben das zulaufende Wasser gemessen wird. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR

Das künstlich geschaffene, aber dann sich selbst überlassene Quellgebiet auf sechs Hektar Fläche ist eingezäunt. Dr. Werner Gerwin vom Forschungszentrum Landschaftsentwicklung und Bergbaulandschaften der BTU steht mit großen Fotos auf dem kleinen Damm. Gemeinsam mit Professor Reinhard F. Hüttl, Leiter des Forschungszentrums, erläutert er Wissenschaftlern und Vertretern des Bergbaubetreibers Leag, wie das Quellgebiet nach der Verkippung mit der Tonschicht abgedichtet, mit Sand gefüllt und der Natur überlassen wurde. Nichts wurde gepflanzt, der Sand nicht angereichert, nur beobachtet wird seit 2005. „In wenigen Tagen“, so Gerwin, „füllte sich damals der Teich.“ Es war eins dieser Wetterereignisse mit Starkregen. Nach einem Jahr standen erste Pflanzen wie das Kanadische Berufkraut und Hasenklee. Zwei Pflanzen, so Professor Hüttl, die den Stickstoff aus der Luft nutzen können. 2008 wiegten sich erste Robinien im Wind.

Weltweit ist das Gelände unter seinem englischen Namen „Chicken Creek“ unter Forschern bekannt und steht in einer Reihe mit anderen künstlich geschaffenen Landschaftssystemen in Kanada, China, den USA, Spanien. Kooperationen verbinden die BTU deshalb mit den Universitäten in  Waterloo, Arizona, Saragossa und dem Institut Nanjing Hydraulic Research. Noch in diesem Jahr wollen die Partner ein Buch mit wissenschaftlichen Beiträgen zu den Beobachtungen in China, den USA und zum Hühnerwasser des Tagebaus Welzow-Süd herausbringen. Mit daran geschrieben haben neben Werner Gerwin und Reinhard F. Hüttl auch Wolfgang Schaaf, Christoph Hinz und Markus K. Zaplata. Erste Publikationen erschienen in Zeitschriften und Sammelbänden. 78 Konferenzbeiträge für die European Geosciences Union, die regelmäßig tagt, entstanden. Das Monitoring bot bereits Stoff für Studienprojekte, Bachelor-, Master- und Diplomarbeiten. 18 Dissertationen sind entstanden.

Deshalb sind neben der zunehmenden Flora und Fauna auch eine Menge Messgeräte auf den sechs Hektar zu finden: Wetterstationen, Grundwasserpegel, Regen- und Staubsammler, Sonden, die über den Boden informieren, Scintillometer, die die Variationen in der Refraktion der Luft messen, Samenfallen, Kameras. Wind und Sonne sichern die Stromversorgung. Eine Drohne fotografiert das Quellgebiet regelmäßig von oben.

„Hier können wir sehen, wie Grundwasser entsteht, welchen Anteil der Niederschlag hat, was verdunstet, wie sich das Wasser bewegt“, erklärt der Hydrologe Christoph Hinz. Der tiefe Erosionsgraben, der sich mitten durchs Quellgebiet zieht, ist heute fast zugewachsen. Derzeit, zeigt Gerwin, führt er wieder etwas Wasser. Kleinen Findlinge – groß wie Brotlaibe – liegen im Grabenbett und beweisen die Kraft des Wassers. Nachts, das belegen Bilder von Nachtsichtkameras, kommen Wildschweine, Rehe und Wölfe vorbei. Ein Baumstamm voller Raupen, die Gottesanbeterin, Küken wurden fotografiert. Die Kreuzotter fühlt sich im Quellgebiet wohl, mehr gefürchtetet unter den Forschern, so Gerwin, sei der Biss einer Spinnenart.

Den Vertrag für weitere fünf Jahre Forschungsarbeit unterzeichnen (v.l.) Franziska Uhlig-May von der Leag sowie Christiane Hipp und Reinhard Hüttl von der BTU.
Den Vertrag für weitere fünf Jahre Forschungsarbeit unterzeichnen (v.l.) Franziska Uhlig-May von der Leag sowie Christiane Hipp und Reinhard Hüttl von der BTU. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR

In dieser Woche haben Reinhard Hüttl, die BTU-Vizepräsidentin Christiane Hipp und Franziska Uhlig-May, Leiterin Rekultivierung/Naturschutz des Bergbaubetreibers Leag, die Nutzungsvereinbarung zum Quellgebiet für weitere fünf Jahre unterzeichnet. Annika Badorreck vom Forschungszentrum darf also auf  weitere Studienarbeiteten hoffen. Sie fasziniert, „wie eng die unterschiedlichen Entwicklungsprozesse des Wasserhaushalts, der Bodengenese und der pflanzlichen und tierischen Kolonisierung vernetzt sind.“ Und nach Tschechien schauen die Wissenschaftler gespannt. Die Karls-Universität Prag will nämlich ebenfalls ein Einzugsgebiet für ein künstliches Landschaftssystem in Angriff nehmen. BTU-Vizepräsidentin Christiane Hipp freut sich drauf:  „Dann hätte wir Kooperationspartner mal ganz in der Nähe.“