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Betrieb eingestellt
Aus für Cottbuser Versand-Apotheke: Vorwürfe und Millionen-Forderung

Apotheke am Telering. Die angeschlossene Internetapotheke hat Insolvenz angemeldet. Der Laden wird beräumt. Foto: Wendler
Apotheke am Telering. Die angeschlossene Internetapotheke hat Insolvenz angemeldet. Der Laden wird beräumt. Foto: Wendler FOTO: Wendler / LR
Cottbus. Sie hatte nach eigenen Angaben eine Million Kunden. Jetzt hat die EU-Berlinda-Versandapotheke in Cottbus den Betrieb eingestellt, die Mitarbeiter sind entlassen. Die Inhaberin erhebt schwere Vorwürfe gegen den Vorbesitzer. Der weist das zurück. Es gibt Prozesse, Millionen-Forderungen und Strafanzeigen. Von Simone Wendler

Vor gut einem Jahr schien alles noch in Ordnung. Die EU-Berlinde-Versandapotheke zog in ihr neues Quartier im Cottbuser Ortsteil Gallinchen. Geschäftsführerin Bettina Kira Habicht verkündete stolz, dass eine Million Kunden weltweit beliefert würden. Und sie kündigte damals in der RUNDSCHAU an, dass sie mit weiterem Wachstum des Unternehmens rechne. Doch es kam in den folgenden Monaten ganz anders.

Ende Februar gingen die beiden online-Portale, über die der Arzneimittelhandel lief, vom Netz. Kurz vorher war der Firma vom Landesamt für Verbraucherschutz die Genehmigung für den online-Handel entzogen worden. Die Belegschaft, etwa 50 Mitarbeiter, angestellt bei der Equa Consulting GmbH, bekamen die Kündigung.

Apothekerin Habicht war alleinige Gesellschafterin der GmbH. Ihr Mann, Sven Schuhmacher, neben ihr Geschäftsführer, stellte für die GmbH beim Amtsgericht Cottbus einen Insolvenzantrag.

Die stationäre Apotheke in Gallinchen, an die der Online-Handel angebunden war, ist inzwischen auch geschlossen. „Ohne den Internethandel macht das keinen Sinn mehr“, so Inhaberin Bettina Kira Habicht. Es ist das Ende einer Geschichte, die 2013 begann und nun in gegenseitige Vorwürfen, Gerichtsverfahren und strittigen Millionen-Forderungen endet.

Bettina Kira Habicht und ihr Mann erheben schwere Vorwürfe. Sie sehen sich als Opfer vom Machenschaften, an denen der Vorbesitzer des Internethandels, Apotheker Kurt Rieder, ein Finanzberater und andere Personen beteiligt gewesen sein sollen. Rieder und der ehemalige Finanzberater weisen das entschieden zurück.

Gespräche mit beiden Seiten ergeben zwei sich völlig widersprechende Geschichten. Die von Habicht und Schuhmacher geht so: 2013 sei die damals in Suhl ansässige Apothekerin von Rieder umworben worden, damit sie in Cottbus den Online-Handel mit Medikamenten übernimmt. Noch 2013 sei der Kaufvertrag unterzeichnet worden. Zum Jahresbeginn 2014 fand der Eigentümerwechsel statt.

Damals hätten sie jedoch nicht gewusst, versichert Sven Schuhmacher, dass Rieder schon vor dem Verkauf einen Antrag auf Privatinsolvenz gestellt habe. Außerdem habe Rieder beim Pharmagroßhändler Phönix erhebliche Außenstände gehabt. Später seien deshalb dann noch Millionenbeträge von der Internetapotheke ungerechtfertigt an Phönix geflossen. Daran beteiligt, so Schumacher, sei auch Finanzberater Hans-Goerg Lippoldt gewesen, von dem man sich 2016 getrennt habe.

Mit dem Arzneigroßhändler Phönix habe man dann vergeblich versucht, so Schuhmacher, die Sache zu klären. Phönix habe die Belieferung gestoppt und offene Rechnungen über mehr als fünf Millionen Euro fällig gestellt. Seine Frau, Bettina Kira Habicht, habe ihrerseits Forderungen über sechs Millionen Euro an Phönix aufgemacht. Im Frühjahr 2017 hatte Phönix Klage beim Landgericht Cottbus eingereicht, um seine Forderungen durchzusetzen. Der Prozess läuft.

Sven Schuhmacher kündigt an, dass die Anwälte seiner Frau Strafanzeigen gegen mehrere Beteiligte bei der Staatsanwaltschaft Cottbus einreichen werden. Der Cottbuser Rechtsanwalt Axel de Fries hat das schon getan. Im Namen des ehemaligen Controllers Hans-Georg Lippoldt zeigte er im November Bettina Kira Habicht bei der Staatsanwaltschaft Cottbus wegen Betruges, Nötigung und anderer Delikte an.

Sein Mandant Lippoldt versichert an Eides statt, dass er nie einen Geldtransfer der Versandapotheke ohne die Zustimmung von Bettina Kira Habicht getätigt habe.

De Fries vertritt auch den Apotheker Kurt Rieder. Fragen der RUNDSCHAU beantwortet er im Namen seiner Mandanten schriftlich. Er legt auch eidesstattliche Versicherungen und Bescheinigungen eines früheren Steuerberaters der EU-Berlinda-Versandapotheke vor. Daraus ergibt sich ein gänzlich anderes Bild als bei Schumacher und Habicht.

Danach sei der Verkauf völlig korrekt und transparent erfolgt. Frau Habicht sei die Möglichkeit eingeräumt worden, den Kaufpreis von mehr als drei Millionen Euro in Raten abzuzahlen. Noch heute seien rund 800 000 Euro davon offen.

Anwalt de Fries bestätigt, dass sich Kurt Rieder seit März 2014 in einer Privatinsolvenz befindet. Das habe aber nichts mit dem Verkauf der Versandapotheke zu tun. Bei dem Verkauf sei Rieder nur als Treuhänder für den damaligen Eigentümer, die RR Mediconsulting GmbH aufgetreten. Sein Mandant, so Anwalt de Fries, sei zu keiner Zeit Gesellschafter der GmbH gewesen. Sven Schumacher geht jedoch davon aus, dass Rieder über eine britische Firma durchaus mit der verkauften Gesellschaft verbunden war.

Im Mai 2016 hatte Rieder sich jedoch laut Finanzberater Lippoldt schriftlich an ihn und an leitende Mitarbeiter der Versandapotheke gewandt. Dabei habe Rieder ihm gegenüber Fragen zur wirtschaftlichen Situation aufgeworfen. Die Sorge um den Fortbestand der Firma sei dafür der Grund gewesen, so Lippoldt.

„Der wollte hier einen Aufruhr anzetteln“, sagt dagegen Sven Schuhmann. Wegen Illoyalität seien deshalb einige Mitarbeiter gekündigt worden. De Fries, der Anwalt von Rieder und Lippoldt, vertrat Betroffene bei ihren Kündigungsschutzklagen vor dem Arbeitsgericht Cottbus.

Am 17. April wird am Landgericht Cottbus die Millionen-Klage des Pharmagroßhändlers Phönix weiter verhandelt.