So entspannt durchquerte schon länger kein Bundespräsident mehr die Besuchermassen des Bundespresseballs in Berlin. Christian Wulff lächelt auf dem langen Weg in den Ballsaal links und rechts, bleibt händeschüttelnd stehen. Die First Lady im Paillettenrock und Chiffon-Oberteil verteilt Wangenküsse. Die zahlreichen Leibwächter bleiben ungewohnt gelassen. Hilfreiche Menschen weisen den Weg, wenig später findet das Paar zur Tanzfläche in das erste heftige Blitzlichtgewitter. Das Urteil eines Tanzexperten vom letzten Jahr – „Bemüht, aber steif“ – stimmt nicht mehr ganz. Mitten im Tanz-Getümmel dann ein langer Kuss. Die Fotografen sind begeistert – auch von der Tätowierung unter dem durchsichtigen Ärmel.

2500 Journalisten, Politiker, Beamte und Manager drängen sich im bunt dekorierten Erdgeschoss des Hotels Intercontinental. 200 Meter Buffet zwischen Bars und bunten Dekorationen müssen begutachtet werden.

Bodenständig oder anspruchsvoll, lautet die Entscheidung. Um die letzten Austern auf kaltblau-leuchtenden Eisblöcken kämpfen einige Gäste schon gegen 23 Uhr. Schwein, Reh und Lamm reichen etwas länger. Und um Mitternacht muss erneuter Hunger mit der traditionellen Currywurst bekämpft werden.

Die Polit-Spitze gibt sich im Getümmel und auf dem roten Teppich entspannt. „Ich vermisse die Kanzlerin immer, wenn sie nicht da ist“, meint grinsend Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) auf die Frage nach dem Fernbleiben von Angela Merkel (CDU). Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im gold-bronzefarbenen Kleid erwartet „viel Freude und Spaߓ. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) lässt sich in Erwartung des musikalischen Höhepunkts zu einem Geständnis hinreißen: „Ich bin der absolute Nena-Fan“.

Amüsiert zeigt sich Linke-Sprecher Hanno Harnisch, dessen Parteispitze den Ball weitgehend ignoriert. Wo denn Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi seien, will jemand wissen. Harnisch lacht: „Bei der Revolution.“

Die Opposition ist hauptsächlich vertreten durch den SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Zum Leid der Fotografen sagte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth – deren Kleid immer wieder wahlweise mit Spannung oder Spott erwartet wurde – ab. Gelassen nimmt Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) seine versehentliche Ressortänderung von Wirtschaft zu Verkehr bei der offiziellen Begrüßung im Ballsaal. Nur Ball-Organisator Alfred J. Gertler scheint im Boden zu versinken und entschuldigt sich wortreich.