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| 22:56 Uhr

Wahl-Check zur Landtagswahl
Wie steht es um die Bildung in der Lausitz?

 Das war keine höhere Mathematik: Den Lehrermangel in Brandenburg hat man sich schon vor Jahren an den Fingern ausrechnen können. Jetzt versucht das Land verzweifelt, mit Quereinsteigern die Defizite auszugleichen.
Das war keine höhere Mathematik: Den Lehrermangel in Brandenburg hat man sich schon vor Jahren an den Fingern ausrechnen können. Jetzt versucht das Land verzweifelt, mit Quereinsteigern die Defizite auszugleichen. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus. Im Vorfeld der Landtagswahl am 1. September wirft die RUNDSCHAU einen Blick auf die wichtigen Themen im Land. Wie ist die Lage, was hat die Regierung getan und was versprechen die Parteien im Wahlkampf. Thema heute: Bildung. Von Ingvil Schirling

A wie Abc-Schützen:

Als Flächenland kämpft Brandenburg mit der Chancengleichheit zwischen den eher städtischen Bildungseinrichtungen und den Grundschulen auf dem Land. Erstere sind leichter erreichbar aufgrund der kürzeren Wege, auch für die Lehrer, haben oft größere Schülerzahlen und können daher auch leichter ein breit gefächertes außerschulisches Angebot auf die Beine stellen.

Dazu kommt der Effekt, dass sich die Kinderzahlen im Land zum Teil sehr anders als erwartet entwickeln – und auch da sind die Faktoren sehr unterschiedlich. Die Prognosen zur Einwohnerentwicklung sind im hauptstadtnahen Raum in einem Zeitraum von kaum zehn Jahren völlig überholt worden.

Der Landkreis Dahme-Spreewald beispielsweise platzt im „Speckgürtel“ aus allen Nähten, und auch in Städten in der zweiten Reihe wie Lübben im Spreewald oder Luckau müssen Kitas, Horte und Schulen erweitert werden bis hin zu Neubauten. Die Welle aus den Kindergärten ist dabei, die Grundschulen zu erreichen – was in teilweise krassem Gegensatz steht zu den Schulschließungen besonders auf den Dörfern aus den 2000er-Jahren. Diese Entwicklung überrollt auch kleinere Orte – wenn sie verkehrstechnisch günstig liegen. Das kleine Schönwalde im Unterspreewald etwa liegt direkt an der A13 zwischen Berlin und Dresden, hat daher junge Familien fast magisch angezogen. Die Bauplätze sind vergeben, die Grundschule explodierte geradezu von 56 Schülern im Jahr 2002 auf 179 zum jetzigen Schuljahresbeginn – nahm allerdings zwischendurch die Abc-Schützen der Neu Lübbenauer Einrichtung mit auf, die infrastrukturell weniger günstig liegt. Aktuell wird die Genehmigung für den Erweiterungsbau erwartet – während die Zahlen in entfernt liegenden Grundschulen vor allem Südbrandenburgs eher stagnieren.

I wie Inklusion:

Dieses brandenburger Reizthema gilt praktisch als verbrannt. So sinnvoll und wichtig die Idee auch sein mag, Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen aller Art gemeinsam zu unterrichten – die Umsetzung darf nicht nur als kompliziert, sondern sogar als äußerst komplex gelten. Ein entscheidender Knackpunkt ist dabei nach wie vor die Personalausstattung an den Regelschulen. Denn Kinder mit Beeinträchtigungen brauchen mehr erwachsene Unterstützung durch geschulte Fachkräfte. Abgesehen davon, dass es davon nur wenige auf dem Arbeitsmarkt gibt, muss dann auch geklärt werden, wer ihre Gehälter bezahlt.

L wie Lehrer: Das Land hat auf die dynamische Entwicklung der vergangenen Jahre reagiert, die vom Generationswechsel in den Kollegien noch angetrieben wurde. Eine hohe Zahl von Lehrern hat das Rentenalter erreicht. Das Land Brandenburg hat allein 2018 fast 1000 neue Lehrer eingestellt und galt damit als Vorreiter. In dieser Größenordnung wird weiter intensiv gesucht – mit Videos in sozialen Netzwerken, besserer Bezahlung, Übergängen für Seiteneinsteiger und sogar im Nachbarland Polen.

Weil aber bekanntlich alles mit allem zusammenhängt, kommt man in diesem Punkt wieder zurück auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land. Nicht jeder Lehrer möchte eine weite Anfahrt zu einer entfernt gelegenen Schule auf sich nehmen – verständlich, aber wiederum von Nachteil für die Landschulen.

S wie Schüler:

Was brauchen Kinder in einer sich verändernden Welt, um kompetente junge Erwachsene zu werden? Der Umgang mit digitaler Technik und natürlich die dafür notwendige Voraussetzung eines flächendeckend schnellen Internets sind allein schon ein weites Feld.

Ein Beispiel aus der ländlich-touristischen Gegend am Schwielochsee zwischen Spreewald und Cottbus: Die dortige Ludwig-Leichhardt-Oberschule verfügt noch immer nicht über wirklich starkes und schnelles Internet in einem Ausmaß, dass alle Schüler in zwei Informatikkabinetten gleichzeitig im Netz recherchieren können. Der Bildungsstaatssekretär war vor Ort, viele Akteure bemühen sich weiter, es gibt eine eigene AG und Unterstützung von der Kommune – doch ein Teil des auch im Kleinen komplexen Problems liegt in diesem Fall in der Art des Schulbaus begründet. Und wenn die technischen Voraussetzungen für schnelles Netz bestehen, bleibt immer noch die Aufgabe, Lehrer in ihrer Medienkompetenz zu unterstützen und zu schulen, damit Mobbing übers Internet rechtzeitig erkannt werden kann.

Z wie Zuständigkeit:

Das digitale Problem am Schwielochsee zeigt sehr gut, wie stark die Kompetenzen ineinandergreifen. Zuständige – und helfende – Kommune ist in diesem Fall das Amt Lieberose/Oberspreewald. Inhaltlich ist Bildung Ländersache, „äußerlich“ – was Gebäude und Ausstattung angeht – Sache des Schulträgers. Das können Ämter, Städte, Gemeinden oder die Landkreise sein. Und hier setzen sie auch immer wieder mit so etwas wie „Hilfe zur Selbsthilfe“ an. Dahme-Spreewald hat beispielsweise Programme aufgelegt, um den Übergang von Schule zu Beruf zu erleichtern, besonders in den Bereichen Luftfahrt („Start to fly“), Landwirtschaft („Start to Green“) und Gesundheit („Start to health“). Sie sollen verhindern, dass junge Erwachsene Brüche erleben, weil die zunächst gewählte Ausbildung dann doch nichts für sie ist. Zu den Vorreitern gehört in diesem Punkt auch der Landkreis Elbe-Elster, der aus eigener Kraft und Haushaltsmitteln ein Stipendium für Medizinstudenten aufgelegt hat – unter der Bedingung, dass die künftigen Ärzte einen Teil ihres Dienstes im Gebiet des Förderers ableisten. Dahme-Spreewald zog später nach, und nun ist diese Art der Unterstützung auch auf Landesebene im Gespräch.

Fazit:

Wer auch immer das Bildungsministerium in Brandenburg nach der Landtagswahl übernimmt, braucht großes Detailwissen, viel Fingerspitzengefühl, aber auch ein Verständnis für die sehr unterschiedlichen Entwicklungen im Land. Wenn Kinder über Bildung die gleichen Chancen erhalten sollen, egal, ob sie vom Land oder aus der Stadt, aus armen oder reichen Familien stammen, müssen Lösungsansätze geschaffen werden, die vielfältig sind und sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen berücksichtigen.

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Der RUNDSCHAU-Wahl-Check zum Thema Bildung in Brandenburg

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