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| 23:42 Uhr

Alle Infos zur Landtagswahl
So hat Sachsen gewählt: AfD in der Oberlausitz vorn

 Landtagswahl Sachsen, 99 Prozent ausgezählt
Landtagswahl Sachsen, 99 Prozent ausgezählt FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus. Sachsen hat gewählt. Die CDU bleibt stärkste Kraft im Land. In der Oberlausitz sieht es zum Teil anders aus. Von Susann Michalk, Sascha Klein und Bodo Baumert

Das politische Erdbeben blieb aus, und doch ist Sachsen wie noch nie seit der Wende erschüttert worden. Mit ihrem Wahlergebnis vom Sonntag kann die sächsische Union nach Lage der Dinge zwar weiter regieren - aber nicht mehr wie bisher. Denn für eine Mehrheit ist sie nun auf zwei Partner angewiesen, wobei die Grünen als möglicher neuer Partner meilenweit von der CDU entfernt scheinen.

Nach der ARD-Hochrechnung von 18.56 Uhr landete die CDU mit 32,3 Prozent der Zweitstimmen vor der AfD mit 27,8 Prozent. 2014 lagen zwischen beiden Parteien noch 29,7 Prozentpunkte.

Die Linke erreichte am Sonntag mit 10,3 Prozent nahezu ihr magerstes Ergebnis aus dem Jahr 1990 (10,2). Die SPD fuhr sogar das schlechteste SPD-Resultat bei einer Länderwahl in der deutschen Nachkriegsgeschichte ein.

 Michael Kretschmer (CDU,r) bei der Stimmabgabe
Michael Kretschmer (CDU,r) bei der Stimmabgabe FOTO: dpa / Robert Michael

Landtagswahl in Sachsen: AFD, Grüne und FDP gewinnen

Neben der AfD legten die Grünen und die FDP zu. Die Grünen blieben jedoch mit 8,6 Prozent etwas unter den Erwartungen - und die FDP wird den Einzug in den Landtag wohl mit 4,8 Prozent erneut verpassen.

Landtagswahl in Sachsen: So hat die Lausitz gewählt

Der Wahlkreis Bautzen 3 (Bernsdorf, Lauta, Wittichenau) ist ausgezählt. AfD-Mann Timo Schreyer holt das Direktmandat (31,9%). Zweiter: CDU-Kandidat Mathias Kockert aus Wittichenau (31,5%). Bei den Zweitstimmen hat die CDU diesen Wahlkreis gewonnen.

Zweitstimmen Wahlkreis 54 (Bautzen 3):

CDU 32,3%

AfD 31,5

Linke 7,8%

FDP 7,8%

SPD 6,5%

Grüne 4,9%

Die Überraschung im Wahlkreis Bautzen 4 (Hoyerswerda) ist perfekt: AfD-Kandidatin Doreen Schwietzer zieht in den Landtag ein und schmeißt damit Landtagsmitglied Frank Hirche im direkten Duell raus. Endergebnis der Erststimmen: 34,7% (9653 Stimmen) zu 32,4 Prozent (9029 Stimmen). Bei den Zweitstimmen siegt die AfD ebenfalls mit 33,9% zu 33,5%.

Schwietzer war bis zu den Kommunalwahlen im Mai 2019 ein politisch unbeschriebenes Blatt. Jetzt ist sie Landtags-, Kreistags- und Stadtratsabgeordnete. Was für eine Karriere innerhalb von wenigen Monaten.

Wahlkreis 57 - Görlitz 1
Ergebnisse %Erstst. %Zweitst. (%Zweitst. 14) (%Diff.)
CDU 34,3 36,7 (41,1) (- 4,4)
Linke 9,5 8,6 (19,4) (-10,8)
SPD 8,0 5,8 (11,0) (- 5,2)
AfD 36,6 35,4 (11,7) (+23,7)
Grüne 3,1 3,1 ( 2,8) (+ 0,3)
FDP 3,4 3,1 ( 3,5) (- 0,4)

Gewählt: Roberto Kuhnert (AfD)

Wahlkreis 58 - Görlitz 2
Ergebnisse %Erstst. %Zweitst. (%Zweitst. 14) (%Diff.)
CDU 45,8 35,2 (38,4) (- 3,2)
Linke 4,0 6,3 (17,9) (-11,6)
SPD 1,5 4,6 (10,8) (- 6,2)
AfD 37,9 37,9 (13,8) (+24,1)
Grüne 7,2 8,0 ( 5,0) (+ 3,1)
FDP 1,2 2,5 ( 4,0) (- 1,5)

Gewählt: Michael Kretschmer (CDU)

Wahlkreis 59 - Görlitz 3
Ergebnisse %Erstst. %Zweitst. (%Zweitst. 14) (%Diff.)
CDU 34,1 35,7 (41,0) (- 5,3)
Linke 8,7 7,0 (16,7) (- 9,7)
SPD 4,0 4,2 ( 8,9) (- 4,7)
AfD 38,4 37,2 (14,6) (+22,6)
Grüne 4,1 4,0 ( 3,6) (+ 0,4)
FDP 4,5 3,5 ( 4,4) (- 0,9)

Gewählt: Mario Kumpf (AfD)

Wahlkreis 54 - Bautzen 3
Ergebnisse %Erstst. %Zweitst. (%Zweitst. 14) (%Diff.)
CDU 31,5 32,3 (42,8) (-10,5)
Linke 8,5 7,8 (15,8) (- 8,0)
SPD 4,6 6,5 (11,3) (- 4,8)
AfD 31,9 31,5 (11,2) (+20,3)
Grüne 4,8 4,9 ( 3,9) (+ 1,0)
FDP 13,5 7,8 ( 4,4) (+ 3,4)

Gewählt: Timo Schreyer (AfD)

Wahlkreis 56 - Bautzen 5
Ergebnisse %Erstst. %Zweitst. (%Zweitst. 14) (%Diff.)
CDU 38,0 33,0 (36,1) (- 3,1)
Linke 8,4 7,7 (16,4) (- 8,7)
SPD 3,7 5,5 ( 9,6) (- 4,1)
AfD 36,4 36,4 (14,8) (+21,6)
Grüne 4,0 4,7 ( 3,6) (+ 1,1)
FDP 5,8 4,4 ( 3,7) (+ 0,7)

Gewählt: Marko Schiemann (CDU)

Landtagswahl in Sachsen: Kenia ist der Favorit

Schon schnell war nach den ersten Ergebnissen klar: Einzig realistische Konstellation ist „Kenia“. Denn Bündnisse mit der AfD und den Linken hatte CDU-Regierungschef Michael Kretschmer immer wieder kategorisch ausgeschlossen. So bleibt ihm nun nichts anderes übrig, als auf die Grünen und den bisherigen Koalitionspartner SPD zuzugehen.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sieht darin einen gangbaren Weg. „Es gibt eine staatspolitische Verantwortung, jetzt müssen die Parteien in der Mitte zusammenrücken“, sagte er am Sonntag. Haseloff hatte vor drei Jahren selbst vor dieser Situation gestanden und war ein entsprechendes Bündnis mit SPD und Grünen eingegangen.

„Die Zeichen stehen auf Kenia“, sagte auch der Dresdner Parteienforscher Hans Vorländer. Er glaubt, dass das etwas schwächere Abschneiden der Grünen dazu führt, das Bündnis leichter schmieden zu können. „Wären die Grünen sehr viel stärker, wären sie noch selbstbewusster gewesen und hätten stark gepokert.“ Die Grünen würden aus politischer Verantwortung in diese Koalition gehen.

Landtagswahl in Sachsen: Der „Kretschmer-Effekt“

Vorländer führt den Wahlsieg der Union auf einen „Kretschmer-Effekt“ zurück: Rastlos unterwegs und mit der klaren Absage an die AfD. Kretschmer habe in der liberalen Mitte gepunktet. Dafür würden auch die schwächeren Ergebnisse der Grünen und der FDP sprechen. Die Linke habe so klar verloren, weil sie inzwischen «das Image einer etablierten Partei» besitze und die AfD ihr den Schneid als vermeintliche Vertreterin ostdeutscher Interessen abgekauft habe.

Vorländer geht davon aus, dass die AfD in ihrer Märtyrerrolle bleibt. Da ihre Landesliste wegen formaler Mängel auf 30 Kandidaten gekürzt wurde, kann sie nun weniger Abgeordnete in den Landtag entsenden als ihr nach dem Zweitstimmen-Ergebnis zustehen würde. Parteichef Jörg Urban kündigte bereits an, über das Verfassungsgericht am Ende eine Neuwahl zu erstreiten. Am Abend hoffte die AfD darauf, möglichst viele Direktwahlkreise zu gewinnen, um doch mit mehr als 30 Parlamentariern in den Landtag einzuziehen.

Landtagswahl in Sachsen: Bundespolitisch wichtig

Auch bundespolitisch ist die Sachsen-Wahl durchaus von Gewicht. Das historisch schwache Abschneiden der SPD wird der Bundespartei angelastet, denn die Zustimmungswerte des sächsischen Parteichefs Martin Dulig waren gut. Dass die CDU in den Umfragen vorher schwächelte, lastete man in der sächsischen Union auch Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer an. Sie war im Vorfeld der Wahl in Fettnäpfchen getreten, hatte den bei vielen sächsischen Christdemokraten beliebten Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen düpiert.

Lange gab es in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Union und der AfD. Nachdem die rechtspopulistische Alternative für Deutschland die CDU bei der Bundestagswahl hauchdünn und bei der Europawahl etwas klarer hinter sich gelassen hatte, traute man ihr auch den Sieg zur Landtagswahl zu.

Landtagswahl in Sachsen: AfD fühlt sich als Sieger

Die AfD kann sich dennoch als Sieger fühlen, auch wenn sie das selbstgesteckte Ziel von 30 Prozent plus X verfehlte. Denn im Vergleich zur Landtagswahl 2014, wo sie bei 9,7 Prozent der Stimmen landete, konnte sie ihr Ergebnis nahezu verdreifachen. Die knapp 28 Prozent sind das beste Resultat, das die Rechtspopulisten je bei einer Landtagswahl einfuhren.

Ein Fazit dürfte alle Parteien freuen. Die Wahlbeteiligung ist wieder gewachsen - vom historisch schlechten Wert bei der Wahl 2014 (49,1) auf mehr als 60 Prozent.