Der 43-Jährige entzweit die Branche auch mit der Art und Weise, wie er seinen Reichtum vermehrt. Sein neuester Streich: An diesem Montag und Dienstag verkauft er mehr als 220 neue Werke direkt über das Auktionshaus Sotheby's. Die Kunstwelt steht Kopf. „Damien Hirst schreibt die Regeln des Kunstmarkts neu“, titelte das renommierte Branchenblatt „The Art Newspaper“ zuletzt.

Denn bisher verkauften Künstler ihre Werke in den allermeisten Fällen über Galerien oder Händler. Diese bekommen dann einen Anteil des Preises, meist 50 Prozent. „Für Galeristen und Händler ist das nicht gut, weil sie Angst haben, nun aus dem Markt geschossen zu werden“, sagte Patrick Heide, der in London seine eigene Galerie betreibt. Allerdings könnten sich einen solchen Coup nur Starkünstler wie Hirst leisten, „weil sie die entsprechende Marktpower haben“.

Rückendeckung bekommt Hirst vom Berliner Kunstsammler und Galeristen Heiner Bastian. Mit der direkten Versteigerung von Kunstwerken umgehe Hirst das „elitäre Verteilungssystem“ der Galerien, sagte Bastian im Deutschlandradio Kultur. Das Projekt sei zwar „abenteuerlich und gewagt“, doch letztlich beschleunige Hirst damit nur Veränderungen in der Kunstwelt, die ohnehin vonstatten gingen.

Hirsts Werke verkaufen sich für Millionen auf der ganzen Welt; Sotheby's erwartet bei der kommenden Auktion einen Preis von insgesamt mehr als 80 Millionen Euro. Um die Nachfrage zu sättigen, produziert Hirst wie am Fließband. Den eigenen Schaffensprozess hat er dabei allerdings ausgeschaltet: Nicht er selbst, sondern eine Armee von Nachwuchskünstlern fertigt seine Werke an. „Um die Kunst auf einem Niveau zu machen, das ich haben will, muss ich andere Menschen anstellen“, verteidigte sich Hirst. „Prada macht auch nicht eigene Kleidungsstücke, (der Stararchitekt) Frank Gehry baut seine Gebäude auch nicht selbst, und niemand bewirft sie mit Dreck.“

Mit Dreck wird Hirst jedoch besonders gerne beworfen. Zu massenorientiert, zu geldgeil, lauten die Vorwürfe von Kollegen (die sicherlich nicht frei von Neid sind) und Schöngeistern. „Viele in der Branche fragen sich, ob das, was Hirst macht, noch Kunst oder nur Kommerz ist“, erklärte Heide. Neuerdings prangt sogar auf Londons Gratis-U-Bahn-Zeitungen - nicht gerade das bevorzugte Medium der schönen Künste - Werbung für Hirst. „Ich weiß nicht, was Kunst ist. Aber wenn es bei Sotheby's an der Wand hängt, ist es per Definition Kunst“, sagte Hirst der Zeitung „Daily Telegraph“.

Ob Kunst oder nicht: Hirst, der in armen Verhältnissen in der Arbeiterstadt Leeds aufwuchs und seinen Durchbruch in den 90er Jahren mit Schock-Schauen der so genannten Young British Artists schaffte, ist ein Liebling der Sammler und hat ein geschätztes Vermögen von umgerechnet rund 1,25 Milliarden Euro.

Doch nun kursieren Gerüchte, dass auch seine Galerien in einem sich abkühlenden Kunstmarkt Probleme haben, alle Werke los zu werden. Sein mit Diamanten besetzter Totenschädel ging so auch nicht - wie zunächst verbreitet - für rund 75 Millionen Euro an eine „Investmentgesellschaft“. Hinter dieser steckten unter anderem Hirst und seine Galerie White Cube selbst. Sie hatten einen Teil an dem Schädel erworben, um den Preis künstlich oben zu halten, so der Vorwurf. Muss sich Hirst nun direkt an den Auktionsgiganten Sotheby's mit seiner Mega-Marketing-Maschine wenden, um seine Überproduktionen loszuwerden?

Freilich ist eine Auktion selbst für einen berühmten Künstler wie Hirst nicht ohne Risiko. „Ich habe schon Alpträume: Los 9 - kein Gebot, Los 10 - immer noch kein Gebot“, erzählte er. Die Branche blickt also gespannt auf diese beiden Tage. Klappt das Experiment, oder nicht? Kann es Schule machen, oder nicht? Philosophisch sieht es jedenfalls der Sammler-Händler David Mugrabi: „Es schaut wie ein Spiel für Damien aus. Er wird sehen, ob er mit dem Mord davon kommt, genauso wie damals Duchamp mit seinem Urinal.“