Die Kerzen im Gras sind verschwunden. Eine ältere Dame läuft an der Wohnung vorbei, in der die Rentnerin Gerda K. mit 82 Jahren starb. Inzwischen steht ein neuer Name am Klingelschild.  

Die Passantin lebt in einem Nachbareingang. Sie erinnert sich gut an Gerda K. Oft hätten sie sich miteinander unterhalten, sich auch zum gemeinsamen Einkaufen getroffen. Gern wüsste sie, was aus dem Verfahren gegen den mutmaßlichen Mörder geworden ist.

Fall Gerda K.: Zeugen vor dem Cottbuser Landgericht

Frank Merker arbeitet als Vorsitzender Richter am Cottbuser Landgericht. Er kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Hauses, was im Fall von Gerda K. einer Gratwanderung gleichkommt. Denn da es sich um ein nicht öffentliches Verfahren handelt, wägt er genau ab, welche Details zum Prozess er preisgeben kann.

Er berichtet von einem Mittwoch im Februar. Fünf Zeugen waren geladen. Die Verhandlung dauerte von 10.15 Uhr bis 14 Uhr.

Bei den Zeugen handelte es sich um Menschen aus dem Umfeld der toten Rentnerin, „die möglicherweise am Tag der Tat Kontakt zu ihr hatten“, wie Frank Merker erläutert. „Es geht auch darum, detailliert zu erfahren, was sie an diesem Tag getan hat“, sagt er.

Ex-Kollegin erinnert sich an Gerda K.

Zu den Bekannten von Gerda K. zählte die 76-jährige Susanne Teich. Zehn Jahre lang arbeiteten beide Frauen beim Reichsbahnausbesserungswerk in Cottbus.

Sie beschreibt die getötete Kollegin ähnlich wie die Nachbarin, die sich mit ihr regelmäßig zum Einkaufen traf. „Frau K. war eine durchweg sympathische Frau“, berichtet Susanne Teich. „Sie war modern, sehr beliebt – ein offener und freundlicher Mensch.“

Damals hätten sie sich ab und zu bei der Arbeit zum Kaffeetrinken getroffen. Später seien sie einander manchmal beim Einkaufen auf dem Markt vor der Stadthalle begegnet, auch einen oder zwei Tage vor dem Tod von Gerda K.

Junger Syrer im Fall Gerda K. vor Gericht

Ein junger Syrer steht als Verdächtiger vor Gericht. Zum Zeitpunkt der Tat im Dezember 2016 sei er nicht älter als 18 Jahre gewesen, heißt es in einem Gutachten der Staatsanwaltschaft. Nach ihrer Überzeugung ermordete er Gerda K., um Geld oder wertvolle Gegenstände aus ihrer Wohnung mitzunehmen.

Der Sprecher des Landgerichts sagt: „In nicht öffentlichen Hauptverhandlungen können gerade jugendliche Zeugen und Angeklagte oft unbefangener aussagen.“ Für längere Zeit sei es in diesem Verfahren um den Inhalt der Ermittlungsakten gegangen. „Aber es wurden parallel dazu und auch jetzt Zeugen vernommen“, erklärt Frank Merker.

Bei einem Ermittlungsbeamten, der Spuren aufgenommen hat, könne die Vernehmung deutlich länger dauern als beispielsweise bei einem Rettungssanitäter, der nur kurz am Tatort war.

Fall Gerda K.: Dolmetscher vor Gericht immer dabei

„Der Dolmetscher ist jedes Mal dabei“, erläutert der Pressesprecher. „Jede mündliche Anfrage, jede Urkunde muss übersetzt werden.“ Jeder Angeklagte könne sich melden, wenn er meine, dass er mit dem Dolmetscher nicht klar kommt. „Dann wird der Sachverhalt geprüft.“

So sei es auch eine psychische Herausforderung, so einen Prozess zu führen. Für alle Beteiligten handele es sich um eine Stresssituation.

Frank Merker sagt: „Manchmal gibt es Kollegen, die sagen, jetzt habe ich zehn Jahre in der Strafkammer gearbeitet, da würde ich gern mal etwas anderes machen.“

Prozess um Mord an Gerda K. bis Mai angesetzt

Die Termine im Gerichtsprozess um den Tod der Rentnerin sind derzeit bis zum 27. Mai angesetzt. „Zu näheren Einzelheiten im Prozess kann ich mich nicht äußern, weil es sich um ein Jugendstrafverfahren handelt, das mitten in der Beweisaufnahme steckt“, erläutert der Pressesprecher.

„Hier gilt der Grundsatz: Wenn der Beschuldigte zum Zeitpunkt der Tat jugendlich war, hat das Verfahren nicht öffentlich stattzufinden.“ Noch sei  nicht absehbar, ob das Verfahren im Mai zu einem Ende findet.

Auch das Urteil werde in nicht öffentlicher Sitzung verkündet. „Es wird aber sicherlich möglich sein, die Öffentlichkeit unter Beachtung der Rechte über die Beendigung des Verfahrens vor dem Landgericht zu informieren“, sagt Frank Merker.

Öffentliches Interesse an Cottbuser Gerichtsverfahren

Wie stark das öffentliche Interesse an einem Gerichtsverfahren tatsächlich ist, lässt sich nach den Worten des Pressesprechers oft nur schwer einschätzen. Er erinnert sich an einen Fall aus dem Jahr 2015. „In der Verhandlung um die Tötung einer Rentnerin aus Senftenberg schwankte die Anzahl der Zuschauer im Sitzungssaal stark“, berichtet er.

Ein arbeitsloser und hoch verschuldeter Familienvater hatte laut dem Urteil vom März 2017 seine Bekannte in ihrer Wohnung mit einem Messerschnitt durch den Hals getötet und somit versucht zu verdecken, dass er ihr 200 Euro geraubt hatte. Zwar ging der Mann in Revision. Doch der Bundesgerichtshof bestätigte im Jahr 2018 die Entscheidung der Cottbuser Richter.

Nachbarin von Gerda K. hofft auf baldiges Urteil

Die Nachbarin der toten Rentnerin aus Cottbus hofft, bald von einem Urteil im aktuellen Prozess zu erfahren. Die Tat hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Eine ganze Weile stand hier noch die Polizei“, sagt sie. „Das alles war für uns auch nicht angenehm.“

Von der anderen Straßenseite klingt Kinderlachen herüber. Ein Transporter hält an. Der Fahrer bringt das Mittagessen auf den Hof des Kindergartens.

Die Nachbarin sucht in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel. Über Gerda K. sagt sie: „Ich habe sie immer großzügig erlebt, immer nett.“