Was ist eigentlich Emissionshandel, und wie funktioniert er?
Unter Umweltzerstörung leiden alle, aber die Verantwortlichen zahlen in der Regel nicht dafür. Die Grundidee des Emissionshandels ist es, Urhebern von Verschmutzung Kosten aufzuerlegen. Haben Umweltlasten wie CO{-2}-Emissionen einen Preis, dann soll der Anreiz steigen, sie zu verringern. Dazu wurde ein Markt geschaffen, auf dem Unternehmen mit Verschmutzungsrechten (Zertifikaten) handeln. Ein Zertifikat steht für eine Tonne CO{-2}. Die EU sieht darin ein wichtiges Instrument, um ihren CO{-2}-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken.

Wo liegt denn nun das Problem?
Der Preis der CO{-2}-Zertifikate ist zu niedrig. Eine Ursache ist die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre - die Industrie stieß weniger Treibhausgase aus als vermutet. Die Nachfrage sank, mehr ungenutzte Rechte blieben auf dem Markt, was den Preis drückte. Der Anreiz zum Energiesparen oder für Investitionen in klimaschonende Technologien nahm ab. Nach EU-Daten gab es 2013 rund 2,1 Milliarden Zertifikate zu viel. Im Sommer wurde ein Papier im Schnitt für 7,50 Euro gehandelt.

Welches sind die Hauptkritikpunkte am bisherigen System?
Europa betreibt derzeit den einzigen umfassenden CO{-2}-Handel. Mit dabei sind über 11 000 energieintensive Anlagen, also Kraftwerke und Fabriken aus den 28 EU-Staaten sowie aus Island, Norwegen und Liechtenstein. Laut EU-Kommission werden hierüber 45 Prozent aller europäischen Treibhausgas-Emissionen erfasst. Aus Sicht von Kritikern müssen jedoch nicht nur die beteiligten Firmen sowie Airlines auf innereuropäischen Strecken, sondern weitere energieintensive Branchen einbezogen werden. Und das geltende System sei viel zu kompliziert.

Was schlagen die Reformer vor?
Die EU-Staaten und das Europaparlament einigten sich im Juli darauf, das Angebot an CO{-2}-Zertifikaten zu verknappen - allerdings erst ab 2019. Etwa 1,5 Milliarden Verschmutzungsrechte kommen dann in eine Ablage (Marktstabilitätsreserve), wo sie dem Handel entzogen sind. Ab 2021 soll die verfügbare Zahl noch mehr abnehmen. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) lobte das Konzept als "gute Basis". Ähnliches ergaben Studien des UN-Netzwerks Global Compact und der Beratung Accenture.

Ist es realistisch, andere Industrien in den Handel einzuschließen?
Hier ist der Gegenwind teils groß. Die Wirtschaftsvereinigung Metalle warnt vor Milliardenkosten. Einige Autobauer, die sich beim Thema CO{-2} vor allem an den EU-Abgasvorschriften orientieren müssen, zeigen sich aber offen. Auch der VW-Abgas-Skandal dürfte in Paris zur Sprache kommen. Experten der Deutschen Bank glauben: Schließt man den Straßenverkehr ein - etwa über Emissionsrechte von Raffinerien und Ölimporteuren -, könnte das effizienter sein als CO{-2}-Grenzwerte.

Wie lässt sich das System austricksen?
Kriminelle nutzten den Handel, um ihre eigenen Taschen zu füllen: Bei "Steuerkarussell-Geschäften" wurden ausländische CO{-2}-Rechte gekauft und im Inland über Zwischenfirmen weitergegeben, ohne Umsatzsteuer zu zahlen - Betrüger ließen sich diese trotzdem vom Finanzamt erstatten. Eine Tätergruppe prellte den deutschen Staat um 850 Millionen Euro. Weil das System anfällig ist, machen Alternativen die Runde. IWF-Chefin Christine Lagarde schlug eine CO{-2}-Steuer vor.

Hat der Handel mit CO{-2}-Rechten also sein Klimaschutz-Ziel verfehlt?
Ein besserer Emissionshandel ist Teil einer wirksamen Klimastrategie. Ziehen jedoch nicht hinreichend viele Staaten - vor allem die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - mit, könnten ehrgeizigere EU-Regeln nicht allzu viel bringen, wie das Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg warnte. Die Rolle des absolut größten CO{-2}-Erzeugers China wird besonders über Erfolg oder Scheitern mitentscheiden: Peking will 2017 in den Zertifikate-Handel einsteigen - musste frühere Daten zur Verbrennung des Klimasünders Kohle gerade nach oben korrigieren.