Mit dem Unesco-Welterbe käme Modellbauer Lothar Hanisch nicht in Konflikt. Die geplante Waldschlösschenbrücke, die das Dresdner Elbtal den begehrten Titel kosten dürfte, existiert in seinem Miniaturreich einfach nicht. "Um Dresden mache ich einen Bogen", sagt der 52-Jahre alte Chef der "Eisenbahnwelten" im Kurort Rathen (Sächsische Schweiz). Ansonsten ist das Elbtal zwischen dem tschechischen Decin und Meißen hier auf mehr als 5300 Quadratmetern detailgetreu nachgebildet - mit Bahnhöfen, Schlössern, Häusern und winzigen Sachsen, die mit einem Kasten Bier zu Füßen die Abendsonne genießen oder einfach nur auf den nächsten Zug warten.
Und der kommt auf alle Fälle - pünktlich nach Fahrplan und im LGB-Format. Das Kürzel steht für Lehmann-Groß-Bahn, eine Modelleisenbahn der Nürnberger Ernst Paul Lehmann Patentwerk OHG. Hanisch lässt sie vor der echten Felsenkulisse des Elbsandsteingebirges ihre Runden drehen. Auf 16 Monitoren wird der Verkehr überwacht, bis zu 30 Züge fahren. Vier Kilometer Gleise, 400 Meter Bach- und Flussläufe, einige Hundert Gebäude im Maßstab 1:25 sowie zahlreiche Brücken und Tunnel machen die Anlage zur weltweit größten LGB-Gartenbahn. Seit zwei Jahren baut Hanisch mit mehreren Leuten an seinem Kindheitstraum. Am 6. April soll er sich mit Beginn des Probebetriebes erfüllen.
Dass Hanisch Dresden links liegen lässt, hat nicht - wie im Fall der umstrittenen Brücke - mit Bürgerentscheiden oder potenzieller Einflussnahme staatlicher Behörden zu tun. "Bei Dresden hätte ich gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll", sagt er über die größte Baustelle im Elbtal. Aber auch bei seinem Vorhaben ist ein Ende nicht absehbar: "Die Eisenbahn wird nie fertig." Für Erweiterungen hat er im Erdreich bereits die Fundamente gelegt. Auch das Umland der Elbe soll eine Rolle spielen. Mitarbeiter Matthias Hocke (36) gibt gerade Schloss Moritzburg den letzten Schliff. "Alle Bauten müssen wetterfest sein, das stellt besondere Herausforderungen."
Hanisch stammt aus Radebeul und hat schon als Kind mit seinem Vater Eisenbahnen gebaut. Als junger Mann lernte er in der DDR einen Beruf, den es heute unter dieser Bezeichnung nicht mehr gibt: BMSR-Techniker. Der Fachbarbeiter für Betriebs-, Steuer-, Mess-, und Regelungstechnik ist am ehesten dem Mechatroniker vergleichbar. In jedem Fall half die Ausbildung Hanisch bei seinem Hobby. Denn bei Modelleisenbahnen läuft ohne Steuern und Regeln gar nichts. Bereits vor der Wende ging Hanisch nach Baden-Württemberg, bis heute verdient er dort sein Geld mit Medizintechnik.
Schon im Schwabenland zierte eine LGB-Bahn Hanischs Garten. Die 600 Meter Gleis hat er nun in Rathen eingebracht. Auf der Suche nach Krediten ging er zunächst zu großen Banken. Die Eisenbahn-Idee fand dort keine Unterstützung: "Ich drang gar nicht zu den entscheidenden Leuten durch." Eine Sparkasse gab schließlich Grünes Licht. Zum Konzept der "Eisenbahnwelten" gehört auch eine Pension samt Gastronomie. Rund eine Million Euro sind bislang in das gesamte Projekt geflossen.
Hanisch ist zuversichtlich, dass sich die "Eisenbahnwelten" irgendwann einmal rechnen. "Meine Frau ist Urschwäbin, sie übernimmt die Pension", nennt er einen Garant für erfolgreiches Wirtschaften. Bei 60 000 bis 70 000 Besuchern jährlich würde er schwarze Zahlen schreiben. Für die Anfangszeit rechnet der Chef mit 50 000 Gästen. Rathens Bürgermeister Thomas Richter (parteilos) verspricht sich eine neue Attraktion für die Region und vor allem viele junge Leute im Kurort. "Die Eisenbahn-Fangemeinde ist riesig. Wenn nur ein Bruchteil davon käme, wäre in Rathen ganzjährig großer Bahnhof."