Den Schulweg verfolgen, Facebook-Bilder durchstöbern oder das Handy aus der Ferne für Internetfunktionen sperren, bis die Tochter zurückruft: Mithilfe verschiedener Smartphone-Apps können Eltern ihren Nachwuchs auf Schritt und Tritt überwachen.

Der US-Anbieter "Qustodio" wirbt unverblümt mit dieser Technik. Im Angebot: Ortung, Überwachung sozialer Netzwerke, Sperren unerwünschter Kontakte. Und der sogenannte Unsichtbar-Modus sorge zudem dafür, dass der Nachwuchs die Kontrolle überhaupt nicht mitbekomme.

"Ich halte das für einen vollkommen falschen Weg", sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. "Alle in Deutschland haben mit Betroffenheit erlebt, wie uns die NSA überwacht. Niemand will das. Ich kann nicht nachvollziehen, warum wir das bei unseren eigenen Kindern machen." In einer Notlage oder bei demenzkranken Menschen mag so eine Funktion sinnvoll sein. Nach Ansicht von Becker gefährden die Apps jedoch den Persönlichkeitsschutz und die Entwicklung der Jungen und Mädchen, die ihren Freiraum brauchen. "Ein Kind, das ständig überwacht wird, muss denken, dass man ihm nicht vertraut und ihm nichts zutraut. Wie soll es so ein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen bilden?"

Anders sieht das Ralf Kiene. Der zweifache Vater hat 2010 die App iNanny entwickelt. Die Anwendung enthält eine GPS-Funktion, mit der Menschen geortet und Bewegungsabläufe verfolgt werden können. 50 000 Nutzer in Deutschland verwendeten die App bereits - beispielsweise für Demenzkranke, aber eben auch für Kinder.

Der Markt für Überwachungs-Apps ist vielfältig. Die Anwendung "Wo ist Lilly?" war ursprünglich auf GPS-Sender für Hunde und Katzen zugeschnitten. Doch längst hat die Berliner Firma auch bunte GPS-Kinderuhren für 199 Euro im Angebot. Per dazugehöriger App können diese lokalisiert werden. Ein sogenannter Geo-Zaun ermöglicht die Markierung eines Bewegungsfelds. "Wenn das Kind sich aus diesem Radius entfernt, erhalten Sie eine Meldung darüber. Zudem wird Ihnen signalisiert, sobald das Kind die Uhr ablegt, da auch hier ein Sensor verbaut ist", heißt es auf der Homepage des Unternehmens.

Datenschützer sehen die Entwicklung kritisch: Schleichend werde eine Überwachungsstruktur geschaffen, an die sich alle Beteiligten gewöhnten, erklärt Klaus Globig, der stellvertretende Landesdatenschutzbeauftragte aus Rheinland-Pfalz. Er warnt vor Missbrauchsmöglichkeiten. "Die Frage ist, wer kann auf solche Standortinformationen zugreifen? Im technischen Bereich ist ja nie etwas absolut sicher."

Und das Angebot mancher Überwachungs-Apps ist erstaunlich: Der US-Anbieter "Ignore No More" hat sich beispielsweise auf das Ignorieren elterlicher Anrufe spezialisiert. Gehen die Kinder nicht ans Handy, können die Eltern es solange sperren, bis der Nachwuchs sich zurückgemeldet hat. Mit der App "MamaBear" können Eltern sogar Aktivitäten ihrer Kinder auf sozialen Netzwerken verfolgen oder Textnachrichten mitlesen. Und wenn das Kind bei einem der Dienste Wörter benutzt, die auf einer selbst gesetzten Index-Liste stehen, wird dazu Alarm per App geschlagen.

"Auch Kinder haben das Recht auf Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis", sagt Becker von der Kinderhilfe. Die gesamte Entwicklung sei deshalb sehr kritisch zu sehen.