Der Architekt, der 102 Jahre alt ist, hat Recht: Gleichgültig lässt Brasilia niemanden. Die Stadt ist ein urbane Utopie, geplant auf dem Reißbrett. In diesem Jahr wird der kühne Wurf Niemeyers und des Stadtplaners Lúcio Costa, der mittlerweile zum Weltkulturerbe gehört, 50 Jahre alt: Am 21. April 1960 weihte Präsident Juscelino Kubitschek die neue Hauptstadt im Landesinneren der aufstrebenden Regionalmacht Brasilien ein. In Kubitscheks Regierungszeit (1956-61) fällt die brasilianische Version der Wirtschaftswunderjahre. Gagarin staunteBuchstäblich aus dem Nichts hatten Zehntausende Bauarbeiter nach dem kreuzförmigen "Leitplan" Lúcio Costas in knapp vier Jahren die futuristisch anmutende Metropole errichtet. Noch 1961 wähnte sich der russische Kosmonaut Juri Gagarin bei einem Brasilia-Besuch auf einem "anderen Planeten". Entlang der repräsentativen Längsachse finden sich die kronenförmige Kathedrale, die massiven Ministeriumsblöcke, das Kongressgebäude mit zwei eleganten Schalenkuppeln sowie ein Justizpalast und zwei Präsidentenpaläste. Konzipiert wurden alle Gebäude von Niemeyer. Auf der gebogenen Querachse, die von oben an die Flügel eines Flugzeugs erinnert, entstanden die Wohngebiete für die Beamten. Doch die soziale Utopie Brasilia zerstob bald. "Während des Baus dachten wir, dass die Gesellschaft besser, die Menschen gleicher würden", erinnert sich der Kommunist Niemeyer. "Aber nein, mit der Einweihung der Stadt kamen die Politiker, die Geschäftsleute, die Klassenunterschiede". Der Bau Brasilias symbolisierte das Bestreben der einheimischen Führungsschicht, das ganze Riesenland in Besitz zu nehmen, er war auch eine Vorstufe zur weiteren Erschließung Amazoniens. Zugleich wurde ein großes Loch in die Staatskasse gerissen. Kubitscheks Wirtschaftsboom war der Auftakt zu jahrzehntelanger Auslandsverschuldung und Inflation, 1964 putschten die Militärs. Im Großraum Brasilia, dem "Bundesdistrikt", ist die Einwohnerzahl in fünf Jahrzehnten von 140 000 auf 2,6 Millionen hochgeschnellt. Aus dem Kernbereich der Stadt wurden die Armen verbannt - sie wohnen bis heute in weit entfernten Trabantensiedlungen, in die sie die Busse vom Bahnhof an der Schnittstelle der Großachsen bringen. "In der Zeit erstarrt"Politiker und Beamte ziehen sich in ihre schicken Wohnungen zurück - oder sie fliegen über lange Wochenenden zurück in ihre Heimatregionen. Die Hauptstadt Brasiliens, das für seine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich bekannt ist, weist größere Einkommensunterschiede auf als die anderen Metropolen des Landes. Der US-amerikanische Stadtforscher James Holston urteilt, der innovative "Geist" Brasilias aus der Gründerzeit sei inzwischen verloren gegangen. Damals habe die "modernistische Stadt" mit Erfindungsgeist und Improvisationsfreude auch jenseits von Architektur und Stadtplanung Impulse gegeben. Heute hingegen sei der zentrale Bereich der Stadt um Costas Achsen "in der Zeit erstarrt", kritisiert Holston. Das offizielle Brasilien wird am Geburtstag seiner Hauptstadt vor allem sich selbst feiern. Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva betrachtet sich gerne als Erben Juscelino Kubitscheks. Die Wirtschaft boomt wieder, und die weltpolitische Bedeutung Brasiliens wächst - ganz ohne Utopien.