"Ich habe Angst, dass es mein Kind ist" - der Mann am Telefon klingt verzweifelt. Gerade hat er im Internet gelesen, dass eines der mit den Darmbakterien infizierten Frühchen in der Charité in Lebensgefahr schwebe. "Bisher hieß es, die Babys seien stabil", sagt der Vater. Seine Frau habe ihr Kind viele Wochen zu früh zur Welt gebracht, aber es sei gesund und habe Fortschritte gemacht. Vor vier Tagen seien seine Frau und er informiert worden, dass das Kind eine Infektion habe und Antibiotika bekomme. Es bestünde aber kein Grund zur Sorge, habe es geheißen - von Keimen keine Rede. "Das haben wir erst am Wochenende aus den Medien erfahren", sagt er. Und er musste auch am gestrigen Montag bis zum Nachmittag zittern, als dann Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagte: "Dem Frühchen geht es besser."

Zuvor hatte eine Charité-Sprecherin von Lebensgefahr gesprochen. Das Informationschaos wollte Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, am Montag beenden. "Es wäre besser gewesen, schon am Donnerstag eine Pressekonferenz einzuberufen", sagte Frei dem "Tagesspiegel".

Am 18. Oktober wurde wie berichtet für die zwei Neugeborenen-Stationen im Virchow-Klinikum der Charité in Wedding ein Aufnahmestopp beschlossen. Das herzkranke Kind, das wohl in der Charité mit Keimen infiziert worden war, ist Frei zufolge am 5. Oktober nach einer OP im Herzzentrum gestorben. Bisher war über das Datum nur spekuliert worden. Man habe auch - anders als es bislang Gerüchten zufolge hieß - noch in der Charité einen Bluttest gemacht, allerdings brauchte dessen Auswertung wie üblich fünf Tage, da sei das Kind schon verstorben gewesen. Der Laborbefund habe dann bestätigt, dass das Kind mit den Darmbakterien infiziert war.

Am heutigen Dienstag will sich die Charité-Leitung ausführlich erklären - etwa auch, ob sich nach dem 8. Oktober, als der Keimbefall von zwei Frühchen an das zuständige Gesundheitsamt Mitte gemeldet wurde, weitere Kinder infiziert haben. Am Sonnabend sagte eine Charité-Sprecherin, die erkrankten Kinder litten beispielsweise an Gehirnhautentzündung, Lungenentzündung und Harnwegsinfekten. Am Montag gab es dazu keine Auskunft.

Dafür hat sich am Montag erstmals der Chef der zuständigen Aufsichtsbehörde geäußert. Der Bezirksbürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD), leitet dort auch das Gesundheitsressort, das für Notfallmaßnahmen an den Charité-Standorten zuständig ist. Sein Amt sei am 9. Oktober vom Keimbefall informiert worden, sagte er, es habe zusammen mit der Klinikleitung die Teilung der Stationen und die Isolation von betroffenen Kindern angeordnet. Am 12. Oktober sei die Charité angewiesen worden, Patienten- und Mitarbeiterzahlen einzureichen, sagte Hanke. Dies sei bis Freitag, also eine Woche später, nicht geschehen. "Das ist ärgerlich, wir haben das nun nachgereicht", sagte Charité-Direktor Frei am Montag.

Auf der Suche nach der Infektionsquelle überprüft ein Team aus Bezirksmitarbeitern, Charité-Medizinern und Experten des Robert-Koch-Instituts die Abläufe und Lieferungen der vergangenen Wochen. "Die wenden jeden Stein in den beiden Stationen", sagte Senator Czaja. Geklärt werden soll auch, ob genug Schwestern und Pfleger eingesetzt waren und das Personal auf den Charité-Stationen ausreicht. Ein Kinderarzt der Klinik berichtete, dass auf den Neugeborenenstationen in den vergangenen Jahren einige Stellen gestrichen worden seien. Von der von Fachverbänden geforderten Quote - eine Schwester betreut ein Frühchen - sei man weit entfernt.

Wenn jeder Patient bei seiner Aufnahme auf Keime untersucht würde, sagte Anwalt und Medizinrechtler Jörg Heynemann, wäre dies nicht nur medizinisch besser, sondern auch rechtlich: Käme ein Patient ohne Keime ins Krankenhaus und verlässt es mit Keimen, stünde fest, dass er sich in der Klinik infiziert habe. Derzeit sei es für geschädigte Patienten schwer, dies zu beweisen. Ein verschärftes Haftungssystem würde zu mehr Hygiene führen: Dann wären Entschädigungen teurer, als die nötigen Mittel für Krankenhaushygiene.