Wenn das Lied von der kleinen frechen schlauen „Biene Maja“ ertönt, „Einmal um die ganze Welt“ oder „Babicka“, das nur für den deutschen Markt geschriebene Loblied auf alle lieben Omas, dann weiß jeder, wer da in Tonhöhe eines ausgebildeten Tenors singt – Karel Gott, die „Goldene Stimme“ aus der "Goldenen Stadt" Prag. Am Mittwoch ist er mit 80 Jahren gestorben.

Gott hat seinen Fans wahrlich nicht nur diese drei Ohrwürmer geschenkt; allein auf Deutsch gibt es an die 900 Schlager von ihm, die Zahl der verkauften Platten wird auf 50 Millionen geschätzt. Bei vielen hat man den Sänger auch gleich vor Augen, wie er bei seinen Konzerten stets in Frack oder perfekt sitzendem Anzug auftrat, stets mit farblich auffälligem Einstecktuch. Seine deutschen Interpretationen werden auch deshalb so gern gehört, weil er seinen „behmischen“ Akzent bewusst einsetzte: das „e“ zum „ä“ macht, das „ö“ zu „e“ und jedes „r“ typisch tschechisch zum Rollen bringt.

Seine deutschen Plattenfirmen hat er reich gemacht und selbst dabei nicht schlecht verdient. Vor seinem 80. Geburtstag hatte das tschechische Plattenlabel Supraphon zuletzt noch mal alles veröffentlicht, was sich in den Archiven finden ließ. Seinen letzten großen Auftritt bei seinen deutschen Fans hatte er 2018 in Leipzig bei der Verleihung der goldenen „Ehren-Henne“, dem wichtigsten deutschen Publikumspreis für sein Lebenswerk. Gott war nach Staatspräsident Vaclav Havel erst der zweite Tscheche, der diese Ehrung erfuhr.

In seiner Heimat war Gott immer sehr viel mehr als ein „Schlagersänger“. Dort nannte man ihn ehrerbietig „Mistr“, den „Meister“. Statistisch besitzt jeder der zehn Millionen Tschechen und fünf Millionen Slowaken eine Platte von ihm. Wie sehr gerade die Tschechen vor ihm niederknieten, belegten die Ergebnisse der jährlichen Publikumsumfragen für die „Tschechische Nachtigall“.

Mehr als 40-mal wurde er als beliebtester Sänger geehrt. Gott grinste ins Publikum und sagte stets denselben Satz: „In diesem Jahr habe ich nun aber wirklich nicht damit gerechnet.“

Das Publikum wartete schon darauf und johlte schon bei den ersten Worten. Gott sagte diesen Satz nie überheblich, war bodenständig und bescheiden, auch wenn er sich natürlich seiner Ausnahmestellung bewusst war.

In seinen Jugendjahren war das Singen für ihn nur ein Nebenprodukt. Im Sommer 1939 im westböhmischen Plzen (Pilsen) geboren und mit sechs Jahren nach Prag gezogen, wollte er eigentlich Kunstmaler werden, vergeigte aber die Aufnahmeprüfung an der Akademie. So lernte er "etwas Anständiges", wurde Elektriker.

1958 begann er nebenher in kleinen Tanzcafés zu tingeln. Ein Jahr darauf fiel er dem damals führenden Bandleader Karel Krautgartner auf, der ihn auf Tournee mitnahm und dann dem Prager Konservatorium empfahl. Das war ein Ritterschlag: Gott studierte dort drei Jahre. 1963 erschien seine erste Single, eine tschechische Version von Henri Mancinis „Moon River“. 1967 absolvierte er ein halbjähriges Gastspiel in Las Vegas - der Beginn seiner märchenhaften Karriere.

Dann kam die Umwälzung des Prager Frühlings. Der Sänger erwog nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen kurzzeitig, von einer Auslandstournee nicht zurückzukehren, fuhr dann aber doch zurück. „Ich versuchte stets, auch wenn das nicht wirklich einfach war, mich von allem Politischen abzuschotten und mir meine eigene Welt zu suchen: die der Melodie, der Töne, der positiven Nachrichten“, resümierte er später. Künstlerisch war das seine bis dahin beste Zeit.

Die sozialistischen Nachfolger des entfernten Reformers Alexander Dubcek taten alles, um Gott im Land zu halten. Er wiederum wusste, dass er mittlerweile einer der besten Devisenbringer der Tschechoslowakei war. Dass er nicht wirklich gegen das Regime aufmuckte, ist ihm ewig vorgeworfen worden. Der nach Frankreich emigrierte Schriftsteller Milan Kundera nannte Gott einen "musikalischen Idioten". Der konterte: „Ich singe Schlager, die mit Politik nichts zu tun haben.“

Als 1977 Bürgerrechtler wie Vaclav Havel in der „Charta 77“ Demokratie einforderten, kniff Gott. Mehr noch: Er sprach als Vorzeigekünstler auf einer inszenierten Veranstaltung der Diktatoren gegen die Chartisten. „Mir war bewusst, dass ich mich den Umständen in meinem Land anzupassen hatte, wenn ich nicht Berufs- oder Auftrittsverbot bekommen wollte, so wie es vielen Künstlern erging“, sagte Gott viele Jahre später in einem ZEIT-Interview. Diese Situation hätten damals auch Millionen anderer Menschen im Land erlebt.

Zur großen Verbrüderung mit manchen seiner Gegner kam es im November 1989 in der sogenannten Samtenen Revolution. Da sang unter dem Jubel von hunderttausend Menschen Karel Gott gemeinsam mit dem ins deutsche Exil geflüchteten Liedermacher Karel Kryl von einem Balkon am Prager Wenzelsplatz die tschechoslowakische Nationalhymne: zugleich die Versöhnung mit den Bürgerrechtlern um Havel. Als die Tschechen entschieden, ihren Staatspräsidenten direkt vom Volk wählen zu lassen, hätte Gott sehr gute Chancen gehabt - wenn er denn kandidiert hätte.

Sein Ansehen, vor allem unter seinen weiblichen Fans, litt später noch einmal fürchterlich: als die Eilmeldung kam, der „ewige Junggeselle“ habe in Las Vegas geheiratet. Das hatte er Jahrzehnte lang als undenkbar ausgeschlossen. Seine Ehefrau Ivana, mit der Karel zwei Töchter hat – zwei weitere hat er aus früheren Verbindungen – kümmerte sich rührend um ihn; vor allem, als er 2015 an Lymphdrüsenkrebs erkrankte. Seither ging es gesundheitlich auf und ab. Wann immer möglich, trat Gott auf – weil er seine Fans nicht enttäuschen wollte. Nun hat er diesen Kampf verloren.