"Es gilt als Todsünde, einen Autofahrer, der zum Überholen angesetzt hat, nicht vorbeizulassen", sagt die Cottbuser Amtsrichterin Marion Rauch. Leichtsinn, Imponiergehabe? Sie weiß nicht, was Andy H. dazu trieb. Er ist geständig, nicht vorbestraft, fiel nie als Verkehrsrowdy auf. Neun Monate Haft setzt sie zu zwei Jahren Bewährung aus. Aber sie spürt, dass es zwischen dem Angeklagten und den Eltern des toten Freundes, die als Nebenkläger auftreten, Redebedarf gibt.

Die drei Freunde sind an jenem Augusttag gut gelaunt. Sie haben eingekauft, "Matze" sitzt mit einem Döner auf der Rückbank, als sie auf den Neudorfer Weg abbiegen. Andy H. ist langsamer als erlaubt. Ein VW hinter ihm setzt zum Überholen an. Da dreht Andy H. plötzlich auf. Den VW-Fahrer wundert das "Prolli"-Gehabe, er lässt sich zurückfallen. Viel zu schnell braust Andy H. auf die geschwungene Straßeneinengung zu. Er bremst ab, ist schon durch, doch dann kommt er nach rechts von der Straße ab. Das Auto überschlägt sich mehrfach auf dem Acker und landet in einem Strohhaufen.

Benommen erlebt Andy H., wie sein Beifahrer aussteigt und nach "Matze" ruft. Er war auf der Rückbank nicht angeschnallt gewesen und ist aus dem Fenster geschleudert worden. Die Freunde finden ihn stöhnend unterm Auto. Der VW-Fahrer hilft, das Fahrzeug anzuheben. Es gelingt, "Matze" vorzuziehen. Die Fahrerin eines dritten Autos löst den Notruf aus. Sie hatte beobachtet, wie die Autos eine ganze Weile nebeneinander fuhren. "Sie waren länger als zwei Sekunden nebeneinander, ganz sicher", so die 31-jährige Zeugin aus Spremberg.

Kein Alkohol war im Spiel, auch der Drogentest fiel negativ aus, bestätigte einer der Polizeibeamten, die nach dem Unfall nach Spuren suchten. Die Anwälte, Staatsanwaltschaft und Amtsrichterin Rauch sind sich bei dem Strafmaß fast einig. Nur drei Monate Führerscheinentzug will der Anwalt von Andy H. verhindern. "Er braucht den Führerschein, um seine Ausbildung abzuschließen", sagt der Verteidiger.

Der 24-Jährige wohnt im sächsischen Burgneudorf (Landkreis Bautzen) und muss täglich nach Ortrand (Oberspreewald-Lausitz). Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde er es nie zur Frühschicht schaffen, ein Wohnheim gebe es nicht. Die Amtsrichterin lässt dem angehenden Gießereimechaniker den Führerschein. "Aber die Nebenkläger haben ihren Sohn verloren. Das kann nicht wiedergutgemacht werden. Ich sehe hier viel Redebedarf", erklärt sie. Der Bewährungshelfer soll deshalb vermitteln, dass Andy H. sich einmal im Monat bei den Eltern meldet und ihnen seine Hilfe anbietet - beim Rasenmähen, Einkaufen.

Ein Versuch. Am ersten Todestag hat Andy H. ihnen in einem Brief erstmals sein Bedauern mitteilen können.