Herr Niedecken, 35 Jahre ist es her, dass BAP durch die DDR touren wollte. Mit welchen Gefühlen denken Sie heute an die damaligen Ereignisse zurück? Ist das für Sie ein Stück Geschichte oder beschäftigt Sie das heute noch?

Wolfgang Niedecken Das beschäftigt mich tatsächlich immer noch. Ich denke von Zeit zu Zeit immer mal wieder dran. Wenn ich beispielsweise Leute treffe, die damals involviert waren, und mit denen ich heute befreundet bin – Maschine von den Puhdys zum Beispiel. Die waren ja damals in der misslichen Lage, unser Konzert im Palast der Republik spielen zu müssen.

„Deshalv spill mer he“ war das Lied, das damals zum Eklat führte. Was bedeutet Ihnen der Song heute?

Niedecken Dieses Lied ist immer noch wichtig. Ich habe es gerade noch einmal ins Hochdeutsche übersetzt, für ein Lyrikvideo, das wir Mitte des Monats auf unserer Facebook-Seite veröffentlichen wollen. Ich bin immer wieder hin- und hergerissen, ob das Lied nun notwendig war oder nicht. Momentan befinde ich mich wieder an einem Punkt, an dem ich sage: Doch, das Ding war nötig. Das hat schon auch einen Stein aus der Mauer entfernt. Das Lied hat was bewirkt.

Gehen wir zurück in die Zeit vor 35 Jahren. Angefangen hat alles mit einem Auftritt für das DDR-Fernsehen 1983. Was ist Ihnen davon im Gedächtnis geblieben?

Niedecken Es war das erste Mal, dass ich beruflich in der DDR war. Vorher mal auf Klassenfahrt, aber das war ja schon in den 60-ern. Es war schon sehr beeindruckend, eine ganz andere Welt für uns. Wir mussten zum Beispiel lernen, was etwa Mangelwirtschaft bedeutet. Richtig begriffen haben wir es aber erst viel später.

Wie lief die Aufnahme ab?

Niedecken Wir sollten drei Songs playback spielen. Zwischendurch wurden am Tag vorher auch die Interviews geprobt. Immer, wenn ich eine Antwort gegeben habe, kam die Frage nochmal andersherum, weil ich anscheinend nicht die richtige Antwort gegeben hatte, also nicht die, die in den Kram passte. Beim Auftritt selbst kam dann überhaupt kein Moderator mehr auf die Bühne. Wir standen auf der Bühne wie bestellt und nicht abgeholt. Was blieb, war ein ganz bitterer Nachgeschmack. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.

Zurück in Köln begann das Grübeln?

Niedecken Wir sind zurückgefahren und haben uns überlegt: Was machen wir denn jetzt damit? Die machen mit uns, was sie wollen. Die spannen uns vor einen Karren, vor den wir nicht wollen. Wir haben uns ja immer engagiert, aber wir wollten selbst entscheiden, vor welchen Karren wir uns spannen lassen. Das war das Grundgefühl, aus dem dann der Text entstanden ist. Wenn man den heute liest, fragt man sich natürlich: Wie konnte sich der Niedecken eigentlich einbilden, damit durchzukommen?

Das wäre meine nächste Frage gewesen ...

Niedecken Wir haben damals noch daran geglaubt. Wir haben das Lied auch bei den vier Warm-up-Gigs auf dem Weg in die DDR gespielt. Und ich habe jedes Mal erklärt, warum wir in der DDR spielen. Bei den Konzerten waren immer auch Leute von der DDR-Künstleragentur anwesend. Die haben aber nicht gezuckt. Die haben sich wahrscheinlich für clever gehalten. Nach dem Motto: Lass die mal nach Ost-Berlin kommen, dann lassen wir uns den Text geben und dann gucken wir mal. Die konnten ja nur wenig verstehen. Das Lied war ja auf Kölsch. (lacht)

Also keine bewusste Konfrontation?

Niedecken Wir haben wirklich gedacht, dass wir das spielen könnten. Wir waren ja kritisch-solidarisch. Wir fanden einiges am Sozialismus gut. Wenn man sich beispielsweise anschaut, welche Regime damals vom Westen unterstützt wurden. Die DDR hat die Befreiungsbewegungen in Südamerika oder Afrika unterstützt. Das hat uns imponiert. Wir mussten dann aber lernen, was im Real-Sozialismus geht und was nicht. Für uns war das auch eine Art Crash-Kurs in Sachen DDR.

Wenn man sich die Ereignisse von damals aus heutiger Sicht anschaut, könnte man auch meinen, es war ein gut inszenierter PR-Coup: Sie reisten im Bus an, in Begleitung eines Fernsehteams vom WDR und dann der Showdown vor laufender Kamera.

Niedecken Nein, das war überhaupt kein PR-Coup. Wir wollten den Leuten zu Hause erzählen, wie es in der DDR aussieht. Wir hatten auch die Hoffnung, dass sich Ost und West dadurch näher kommen könnten. Als dann später der Vorwurf kam, wir hätten das inszeniert, waren wir vollkommen entsetzt. Wir hatten nicht im Traum daran gedacht. Es war reiner Idealismus – und Abenteuerlust. Wir haben uns auf etwas eingelassen, was wir nicht überblicken konnten.

Wer hat dann letztendlich den Schlussstrich gezogen und gesagt: Das war’s jetzt?

Niedecken Das hat immer höhere Kreise gezogen, bis ins Ministerium. Unser Manager ist dann da hingefahren. Als er zurückkam, sagte er: ‚Ihr könnt einpacken. Die bewegen sich keinen Zentimeter.’ Und wir konnten uns auch keinen Zentimeter mehr bewegen. Dadurch, dass das alles unter Beobachtung der Medien stattgefunden hatte, konnten wir ja nicht mehr sagen: Okay, wir schenken uns die Nummer. Das Fatale ist ja: Es hätte den Song vermutlich gar nicht gebraucht. Die Leute wussten ja, weshalb wir in der DDR spielen wollten. Für die hatten unsere Songs zum Teil eine ganz eigene Bedeutung. ‚Jraaduss’ zum Beispiel war für mich ein Abschiedslied an meine Jugendliebe. Dass die Leute in der DDR das ganz anders verstanden haben, war mir gar nicht klar. Manchmal habe ich gedacht: Vielleicht hätten wir uns doch fügen sollen, und die Leute hätten so manches Lied so für sich uminterpretiert.

Dann ging es zurück. Die Reaktionen auf der anderen Seite der Grenze waren aber auch nicht so das, was Ihnen vorgeschwebt hatte, oder?

Niedecken Da wurde uns von Leuten auf die Schulter geklopft, von denen wir keinen Applaus wollten. Das war ein ziemlicher Spießrutenlauf, in positiver wie negativer Hinsicht. Ich musste von einem Interview zum nächsten – während die Band im Hotel blieb. Zufällig das gleiche Hotel, in dem Udo Lindenberg zu der Zeit logierte. Der hatte alle möglichen Kröten geschluckt, um endlich seine DDR-Tour spielen zu dürfen. Und dann kommen wir daher und vermasseln ihm alles. Udo war überhaupt nicht amused. Das hat mir sehr leid getan.

Wie waren die Reaktionen von der anderen Seite der Grenze?

Niedecken Ich habe kistenweise Post von Fans bekommen. Die Briefe waren teilweise in Blaupapier eingeschlagen, damit man sie nicht durchleuchten konnte. Die Leute haben sich dafür bedankt, dass endlich mal jemand standhaft geblieben ist. Nur ganz wenige konnten uns nicht verstehen.

Was ist mit den Briefen geschehen?

Niedecken Ich habe ein Kunstobjekt daraus gemacht. In 100 Weinflaschen habe ich jeweils einen Brief eingerollt, mit einer weißen Feder – und dann versiegelt. Ist ein ganz schönes Ding geworden, das in einigen Ausstellungen zur Deutschen Einheit gezeigt wurde. Heute hängt es hier bei uns im Haus.

Jetzt haben Sie mit dem WDR eine Doku über die damaligen Ereignisse gedreht. Hat das nochmal Ihren Blickwinkel verändert?

Niedecken Das nicht, aber wir haben unter anderem Hartmut König getroffen, der damals als FDJ-Funktionär und späterer stellvertretender Kulturminister in die Sache involviert war. Wir haben uns wirklich gut unterhalten. Ich bin dadurch aber jetzt nicht zum Kommunisten bekehrt worden.

Mit Wolfgang Niedecken
sprach Bodo Baumert