Vielleicht sind es die vielen Katastrophenfilme, vielleicht die Nachwehen von Pest oder den Pocken. Fakt ist: Die Angst vor Epidemien ist auch hierzulande nicht verschwunden. Die LR sprach darüber mit Markus Feufel, Fachgebietsleiter für Arbeitswissenschaft an der TU Berlin und Mitglied des Berliner Harding Zentrums für Risikokompetenz.

Krankheiten wie das Ebola-Fieber, die epidemisch auftreten, ängstigen uns, obwohl die Risiken hierzulande gering sind. Woran liegt das?

Feufel Dieses Phänomen ist bekannt als „Dread risks“ (angstbesetzte Risiken) und beschreibt Angst vor Situationen, die innerhalb einer kurzen Zeit einen bedeutenden Schaden für viele oder Gruppen von Menschen anrichten können, aber mit nur sehr geringer Wahrscheinlichkeit auftreten. Dazu gehört beispielsweise die Angst, durch einen Terroranschlag umzukommen, Flugangst und eben auch in Deutschland am Ebola-Virus zu erkranken. Ursachen können mangelnde Information über Eintrittswahrscheinlichkeiten und/oder Fehleinschätzungen sein.

Gibt es noch andere Gründe?

Feufel Andere Erklärungen geben evolutionäre Gründe an, wonach eine Bedrohung von Gruppen schwerer wiege als die einzelner Menschen. Dafür spricht, dass wir weniger Angst vor Situation haben, in denen viele einzelne Menschen über einen längeren Zeitraum zu Schaden kommen, wie z.B. im Krankenhaus oder im Straßenverkehr.

Aus der Ebola-Krise 2014/15 scheinen viele den Schluss zu ziehen, dass die jetzige Krise keine große Bedeutung hat. Würde sich das ändern, wenn der erste Ebola-Fall in Deutschland aufträte?

Feufel Einzelfälle sind meist keine gute Grundlage für rationale Entscheidungen, vor allem wenn es sich um epidemiologische,  das heißt Entscheidungen bezüglich der öffentlichen Gesundheit handelt. Die Frage ist, wie schwerwiegend bzw. gefährlich die derzeitige Krise für die betroffene Öffentlichkeit ist: wie viele Menschen sind derzeit infiziert, wie viele davon schwerwiegend erkrankt, wie viele eventuell bereits an der Infektion verstorben. Auch ein Vergleich mit den Verläufen ähnlicher, vorhergehender Krisen kann hilfreich sein, um die derzeitigen Risiken einzuordnen.

Anders als bei Ebola hat es bei anderen Seuchen tatsächlich panikartige Reaktionen gegeben. Etwa bei der Schweinegrippe oder bei BSE. Auch viele Impfgegner sind rationalen Argumenten nicht zugängig.

Feufel Bei der Schweinegrippe und eventuell auch bei BSE haben nicht zuletzt die Medien Meinungen einzelner Expert*innen – und nicht die Fakten – kommuniziert und damit die ohnehin schon angstbesetzte Lage (auch diese Krankheiten sind Beispiele für Dread risks) befeuert. Impfgegner, wie Sie sie beschreiben, ignorieren Fakten, da sie bereits vorgefasste Meinungen zum Thema Impfungen haben. Das Problem liegt also im Zusammenspiel von Fakten und Meinungen.

Mit Markus Feufel
sprach André Bochow