Obwohl seit Menschengedenken gelogen wird, gibt es – im Vergleich zu anderen Wissenschaftszweigen – relativ wenige Forschungserkenntnisse. Warum?

Suchotzki Unter Wissenschaftlern war das Thema lange Zeit eher als zu „populärwissenschaftlich“ verschrien. Zudem ist Lügen ein sehr komplexes Verhalten und deshalb nicht so einfach im Labor zu erforschen. Mich interessiert vor allem, was der Mensch eigentlich braucht und können muss, um zu lügen zu können. Lügen ist ja auch deshalb so spannend, weil es eine gewisse Fertigkeit erfordert. Darum ist es bei Kindern immer ein gutes Zeichen, wenn sie zu lügen anfangen. Ohne die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und das Wissen, dass die andere Person nicht genau das gleiche weiß wie ich, kann man nicht lügen.

In einer Untersuchung mit dem schönen Namen Pinocchio-Studie haben Sie zusammen mit internationalen Forscherkollegen herausgefunden, dass Menschen im Schnitt zweimal täglich lügen, davon am meisten Teenager zwischen 13 und 17 Jahren. Kinder und Alte lügen hingegen weniger - weil sie es noch nicht beziehungsweise nicht mehr so gut können?

Suchotzki Dass Menschen im Schnitt ein bis zweimal täglich lügen, wurde schon vor zwanzig Jahren in einer großer Studie festgestellt. Uns hatte interessiert, inwiefern sich die Lügenhäufigkeit und die Lügenfähigkeit über die Lebensspanne verändern. Kinder und ältere Erwachsene scheinen tatsächlich weniger zu lügen und dies auch weniger gut können. Eine denkbare Erklärung ist, dass man, um lügen zu können, die sogenannte Reaktionshemmung braucht. Wenn man etwas gefragt wird, will man eigentlich automatisch wahrheitsgetreu antworten. Um zu verhindern, dass die Wahrheit einfach aus einem raussprudelt, braucht es die Reaktionshemmung. Bei Kleinkindern ist die kaum ausgeprägt, das kommt erst bei jungen Erwachsenen, und bei älteren Erwachsenen lässt sie dann wieder nach.

Gibt es die Lüge als universelle Erfahrung schon immer oder ist sie eher ein kulturelles Konstrukt, wie zum Beispiel die romantische Liebe, die erst vor gut 200 Jahren erfunden wurde?

Suchotzki Die Lüge gibt es als menschliches Phänomen natürlich schon sehr lange. Bereits die griechischen Philosophen hatten sich Gedanken drüber gemacht, wie man Lüge überhaupt definieren und bewerten kann. Ist Lügen per se moralisch schlecht? Oder ist Lügen an sich neutral und entscheidend erst der Zweck der Lüge über deren moralische Bewertung?

Dass die Lüge als etwas Verwerfliches gilt, ist keineswegs eine allgemeingültige Vorstellung?

Suchotzki Das haben wir zwar in unserer Studie nicht erfragt, aber man kann schon feststellen, dass Lügen für die meisten Menschen etwas relativ Alltägliches zu sein scheinen. Bei den meisten der ein bis zwei täglichen Lügen handelt es sich dementsprechend auch eher um kleine, selbstdienliche Lügen. Sie schaden keinem richtig, sondern helfen dem Lügner eher, kleine Fehler zu verdecken oder sich in einem besseren Licht darzustellen. Es gibt ja etliche Gedankenexperimente, was wohl wäre, wenn wir alle gar nicht mehr lügen könnten und ob das überhaupt erstrebenswert ist. Bestimmte Formen der Lüge sind ja auch stark in unserer Kultur verankert, zum Beispiel als Teil von Höflichkeitskonventionen. Dass man einen Vortrag in Wahrheit doof findet oder dass jemand in einem Kleid, das 300 Euro gekostet hat, nicht so gut aussieht – das möchte der Fragende als Antwort wohl gar nicht unbedingt hören.

Bewerten die Menschen auf der Welt, genauso wie die Forscher, unterschiedlich, was überhaupt eine Lüge ist?

Suchotzki Es gibt auf jeden Fall Unterschiede, was Menschen als Lüge ansehen und dementsprechend auch für moralisch vertretbar halten. So ist es in manchen Kulturen unhöflich zuzugeben, dass man etwas nicht weiß. Es gibt zum Beispiel Kulturen, in denen man, wenn man nach dem Weg fragt, lieber in die falsche Richtung geschickt wird, als dass der Befragte angibt, diese nicht zu kennen. Unter manchen Umständen ist in solchen Kulturen die Höflichkeit wichtiger als die Wahrheit und wird von den Menschen auch als solche verstanden und akzeptiert. Übergreifend wird eine Lüge meistens als Versuch definiert, jemanden bewusst hinters Licht zu führen. Und das ist bei Höflichkeiten ja auch nicht der Fall. Wenn Amerikaner fragen: How are you?, erwarten sie gar keine ehrliche Antwort.

Wird die Vorstellung und Akzeptanz von Lügen eigentlich, ähnlich wie bei der Liebe, auch von Literatur und Filmen geprägt?

Suchotzki Was der Einzelne als Lüge betrachtet, wird davon sicher weniger beeinflusst, weil die meisten Menschen von ihr eine recht intuitive Vorstellung haben. Aber bei der moralischen Bewertung sieht das je nach Kontext schon anders aus. Die wird sicherlich durch den jeweiligen Zeitgeist, durch Filme und Medien beeinflusst. Logisch, denn Lügen spielen ja auch in vielen Bereichen eine zentrale Rolle. Es gibt kaum Filme und Bücher, die ohne Lüge und Betrug auskommen, weil es genau das ist, was das menschliche Verhalten interessant macht.

Fast die ganze Weltgeschichte ist eine Geschichte von Lügen, könnte man sagen. Ob Hitlers Einmarsch in Polen 1939 als Reaktion auf einen vermeintlichen Überfall polnischer Aufständischer auf einen deutschen Radiosender oder die Lügenrede des US-Außenministers 2003 vor der UNO zur Begründung des Irakkrieges – mit Lüge wird große Politik gemacht.

Suchotzki Allerdings. Auch aktuell sieht man ja, wie Fake News an Bedeutung gewinnen, was wiederum Einfluss auf die Menschen und auf ihre Sicht auf die Lüge hat.

Politikern haftet klischeebedingt und nicht selten zu Recht das Image von Lügnern an. Aber zur Lüge gehören ja immer zwei. „Wollen“ viele Wähler mit Wahlversprechen belogen werden?

Suchotzki Gerade die Entwicklung unter dem Stichwort Fake News ist sehr interessant und führt auch zu neuen Herausforderungen für die Forschung. Die herkömmliche Definition der Lüge trifft es vermutlich nicht immer, da viele Wähler gar nicht zu erwarten scheinen, dass man ihnen immer die Wahrheit erzählt. Wenn Trump zum Beispiel etwas verspricht, wissen einige seiner Wähler, dass sie ihn nicht beim Wort nehmen müssen. Sie reagieren eher auf die unterliegende Botschaft als auf den genauen Wortlaut. Inwieweit ist das dann noch eine Lüge, wenn beide Seiten die Unwahrheit akzeptieren und gar nicht primär an der Wahrheit interessiert sind? In der Forschung werden deshalb teilweise schon andere Begrifflichkeiten für solches Verhalten gesucht. Zum Beispiel gibt es den Versuch, dies unter dem Stichwort Bullshitting zusammen zu fassen. Das ist so ähnlich wie Stammtischgerede oder Anglerlatein, wo es einfach darum geht, eine gute Geschichte zu erzählen. Weder die Stammtischkammeraden oder im Beispiel Trumps die Wähler, noch der Redner oder Trump selbst würden auf die Idee kommen, das Gesagte für bare Münze zu nehmen.

Münchhausens gibt es natürlich auch in anderen Bereichen: Heiratsschwindler, Hochstapler, manische Ehebetrüger – sind das die Naturtalente in punkto Lügerei?

Suchotzki Die Forschung zeigt, dass man kein Naturtalent zum Lügen sein muss. Es hat sich gezeigt, dass die Menschen im Erkennen von Lügen sowieso sehr schlecht sind. Die Wahrscheinlichkeit liegt in etwa bei fifty-fifty, da könnte man also auch eine Münze werfen.

Durch die Künstliche Intelligenz nähern wir uns zunehmen der technisch perfekten Lüge. Bereits jetzt ermöglicht Gesichtserkennungsoftware, Mimik und Bewegungen eines aufgenommenen Gesichts in Echtzeit auf das eines Menschen in einem Video zu übertragen. Bis zur perfekten Sprachmanipulation dürfte es nur ein Schritt sei. Lüge und Wahrheit kann man dann überhaupt nicht mehr unterscheiden?

Suchotzki Da sind wir direkt bei den Fälschungen. Diese technologische Spielart der Lüge erlangt in der Tat wachsende Bedeutung und es dürfte immer schwieriger werden, diese Art der Lüge zu entlarven.

Abschließend die Frage aller Fragen: Gibt es nun geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Männern und Frauen in punkto Lügen oder sich belügen lassen?

Suchotzki Kaum. Ob Männer oder Frauen besser oder anders lügen ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird und viele Leute brennend zu interessieren scheint. Bisher wurden da aber eigentlich, wenn überhaupt, nur minimale Unterschiede gefunden.

Mit Kristina Suchotzki sprach Gunnar Leue